100 KM und das Mammut in uns – ein Erfahrungsbericht

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Vor einigen Wochen haben wir nach euren ganz persönlichen Mammutmarsch Geschichten gefragt. Danke an Tobias und Thomas, aka Team Matschköppe, für diesen ausführlichen Erfahrungsbericht!
 
Die beiden haben sich im September 2018 unserem „Endgegner“, dem Mammutmarsch NRW, gestellt und dabei 2000€ für einen guten Zweck gesammelt. 
 
Tobias und Thomas waren jahrelang passionierte Hindernisläufer, aber mit der Zeit war ihnen der sportliche Anspruch nicht mehr „hart“ genug. Also war klar, eine Alternative musste her. „Irgendwas Verrücktes sollte es sein, wo man den Hintern von der Couch bewegen und sich mal wieder richtig ins Zeug legen muss.“ Beim Mammutmarsch wurden die beiden dann hellhörig.
 
Bei den ersten Trainingsläufen wurde ihnen schnell klar, worauf sie sich hier eingelassen haben. Als zusätzliche Motivation und um in letzter Minute nicht doch noch zu kneifen, haben sie ihren Mammutmarsch zu einem „sozialen Projekt“ gemacht und mit jedem Kilometer Spenden für das Kinderpalliativzentrum in Datteln gesammelt. 
 
Wie es ihnen auf der Strecke erging lassen wir sie hier selbst erzählen. Viel Spaß! 
 
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100 Kilometer und das Mammut in uns….

Samstag der 08.09.2018. – 13 Uhr, Ankunft in Wuppertal –  Noch knapp 3 Stunden dann greifen wir die 100 km an. Gut vorbereitet sind wir. Gut ausgerüstet durch die Hilfe von McTrek Outdoorsports Datteln auch. Also was kann schief gehen? Schaffen wir es doch nicht mental durchzuhalten? Immer mit dem Hintergedanken, jeder Kilometer bringt Geld für die Kids. Der Druck ist enorm. Aber wir wollen es auch allen beweisen, die gesagt haben, dass wir es so oder so nicht schaffen. Also noch schnell ne Pommes mit fett Mayo einschieben, damit für die ersten Kilometer genug Kraft vorhanden ist.

Sich noch schnell von den Liebsten verabschieden und Facebook informieren das wir jetzt gleich auf die Strecke gehen. Ansonsten wird das Motto “Füße hoch” groß geschrieben. Kurz bevor wir einnicken hören wir eine bekannte Stimme, die sagt “ey hier wird nicht gepennt!”. Michael, der mit uns den Vorbereitungslauf über 52 Km gemacht hat, hat uns gefunden. Er geht eine halbe Stunde nach uns auf die Strecke. Wir quatschen noch kurz und dann ist es soweit. Unsere Startgruppe wird aufgerufen. Schuhe geschnürt, Rucksack aufgesetzt, ab zum Start.

 15:45 Uhr – Wir sind auf der Strecke. Alles wie gewohnt, schnell stellt sich unser gewohntes Tempo ein. Das GPS sagt 5,8 Km die Stunde. Perfekt. So ziehen die ersten Kilometer locker an uns vorbei. Das Starterfeld ist bunt gemischt und alles ist vertreten. Jung, Alt, Mann, Frau und sogar einige Hunde sind dabei.

17:27 Uhr – Da sind die ersten 10 Kilometer auf der Uhr. Bis jetzt nichts Besonderes. Noch tut nichts weh und alle sind gut gelaunt. Hier ein Witz, da ein dummer Spruch und alle haben Spaß. Die Strecke wird immer anspruchsvoller. Es geht nicht nur noch über Asphalt. Die Waldwege werden schmaler, die Anstiege werden härter. Weiter gehts…

19:38 Uhr – Wir haben soeben den ersten Verpflegungspunkt an Kilometer 18 hinter uns gelassen und befinden uns nun bei Kilometer 20. Der Verpflegungsposten war gut gelegen. Auf einem Sportplatz. Die sanitären Einrichtungen waren sauber, die Verpflegung von Schokobrötchen über Müsliriegel zu Bananen alles gut.

So langsam zieht sich das Teilnehmerfeld etwas auseinander. Es wird dunkel. Die Gespräche in den Gruppen werden weniger. Wir sind noch immer im gewohnten Tempo unterwegs.

22:54 Uhr – Verpflegunsposten 2 – Kilometer 38 – Hier sieht man deutlich schon erschöpfte Gesichter und manch einer trottet mit seiner Urkunde an uns vorbei. Okay, für den ist hier Schluss. Für uns natürlich noch lange nicht. Wir verzichten darauf uns an die lange Schlange für die Kartoffelsuppe zu stellen und setzen uns einfach irgendwo auf den Boden. Schnell ein Müsliriegel und zwei Schokobrötchen zwischen die Zähne und noch eine Zigarette. Dann geht’s weiter.

Noch fühlen wir uns sehr gut. Die Füße brennen ein wenig, aber das wird ab nun unser ständiger Begleiter werden. Kurz bevor wir uns wieder auf den Weg machen, läuft uns wieder Michael in die Arme. Wir freuen uns, dass er es auch bis hier geschafft hat.

01:47 Uhr – Kilometer 50 – Mit einem Tempo von 5,7 km stolpern wir durch finstere Wälder und brutale Anstiege. #WuppertalerHöhenUndTiefen. Es wird nicht mehr viel geredet. Die meisten haben Kopfhörer in den Ohren und kämpfen mit sich selbst. Noch sind wir guter Dinge. Obwohl es Tobias etwas schwer fällt, an den Anstiegen das Tempo zu halten, ist er gut dabei.

03:45 Uhr – Thomas – Ab Kilometer 60 fängt es an weh zu tun. Das ständige bergauf und bergab sind wir einfach nicht gewohnt. Und unsere Füße erst recht nicht. Der nächste Verpflegungspunkt kommt wie ein Hilfeschrei aus der Nacht.

Ich bin leider knapp 15 Minuten vor Tobias dort. Aber ich warte auf ihn. Ich hole mir eine Portion Nudeln und untersuche dabei meine Füße. Zwei dicke Blasen unter den großen Zehen sagen freundlich guten Tag. Die im Reisegepäck enthaltenen Blasenpflaster erweisen sich als lächerlich zu klein für diese. Okay kurzes Schulterzucken. Was will man machen. Wer hätte damit gerechnet. Bei dem Testlauf über 52 Km war ja alles super. Auch hier war alles top, bis bei Km 55 Anstiege und Abstiege mit 13% auf purem Asphalt auf uns warteten. Das war dann zu viel für die Füße. Aber jammern hilft nicht. Wir müssen weiter. Schließlich sitzt uns die Zeit im Nacken. 

04:00 Uhr – Tobias – Einige Zeit vorher kam ich an einer ARAL vorbei. Ein Traum. Eine kühle Dr. Pepper. Fühlte sich an wie Weihnachten und Ostern zusammen. Nun komme ich auch endlich am Verpflegungspunkt an. Ich stelle mich sofort bei dem Nudelwagen an. Sieht lecker aus. Riecht auch gut. Thomas kommt zu mir. Wir beide wissen, was wir bisher geleistet haben. Wir setzen uns kurz auf den Boden, ziehen Socken und Schuhe aus. Ich merke, dass der Körper meckert. Irgendwie Hunger, aber irgendwie auch nicht. Das Essen muss trotzdem rein, weiß ich. Also irgendwie ein paar Nudeln runter bekommen. Bisher keine Blasen an den Füßen. Nur Blumenkohl in der Ohren. Ich habe die falsche Motivationsauswahl für meinen MP3-Player gewählt. Motivationshörbücher sind nicht so meins, dann doch eher Alf oder Knight Rider. Egal. Rucksack auf. Weiter geht’s.

06:42 Uhr – Thomas – 70 Kilometer, fuck yeah. Es sind “nur” noch 30 bis ins Ziel. So langsam geht die Sonne auf. Niemand spricht mehr. Von den wenigen Leuten, die jetzt noch auf der Strecke sind, quälen sich alle mindestens genauso wie wir. Die Muskelschmerzen in den Beinen hat man schon vergessen und ignoriert. Kopfschmerzen sind allgegenwärtig. Aber die Füße bringen einen wirklich um. 

Leider haben wir uns auf der Strecke etwas verloren. Tobias hat Anschluss in einer anderen Gruppe gefunden, die bergauf auch sein Tempo läuft. Ich schaffe es auch bergauf noch das Tempo zu halten. Nächster Fixpunkt, Verpflegungsposten 4 auf Kilometer 81.

06:50 Uhr – Tobias – Thomas und ich schicken uns Sprachnachrichten via WhatsApp. Wir koordinieren unseren weiteren Plan und entscheiden, dass jeder sein Tempo läuft. Thomas wird am VP4 bei Kilometer 81 auf mich warten. Diese verdammten Berge sind der Horror. Es geht rauf, und weiter rauf und wieder runter. Bei jedem Aufstieg werde ich von einigen Läufern überholt, auf den geraden Strecken laufe ich aber locker an diesen wieder vorbei. Ich bin halt kein Bergsteiger. An Thomas „Rücklicht“ am Rucksack konnte ich mich immer gut orientieren. Das kleine Lämpchen ist aber schon lange weg. Ich hoffe auf neue Motivation sobald meine Familie wach wird und ich ihre Stimmen am Handy höre. 

08:27 Uhr – Tobias – Ich habe 77 Kilometer hinter mir. Ich bin ziemlich alleine aktuell. Eine große Weide lasse ich links liegen. Wo sind die Kühe? Unglaublich, aber diese stehen mitten auf dem Weg. Die fragen sich auch, was hier sonntags los ist. Der Punkt ist gekommen, wo der Kopf sagt, hier ist gleich Ende. Der Körper hat schon lange resigniert, wurde aber bisher vom Kopf besiegt. Ich benötige Motivation und Hilfe. Genau zur richtigen Zeit kommt eine Sprachnachricht von meiner Familie. Mir kommen kurz die Tränen, weiter geht’s. Es wird nicht aufgegeben! Ich ziehe das Tempo an, überhole sogar eine große Gruppe. Sie schauen mich überrascht an. VP4 ist nicht mehr weit.

 08:56 Uhr – Thomas – Tobias hab ich völlig aus den Augen verloren. Ich komme völlig platt am letzten Verpflegungspunkt an. 81 Kilometer sind geschafft. Ich setze mich kurz hin. Ein Blick in die Runde. Oha, hier sind aber nicht mehr viele unterwegs. Ich sehe vielleicht 20 Leute. Die Blicke leer, die Schuhe aus. Alle haben das gleiche Leiden. Der ganze Körper brennt wie die Hölle.

Ich begutachte meine Füße. Vier Blasen in der Größenordnung von Briefmarke bis zu einem halben 5 Euroschein. Die nächsten Tage werden hart. Aber alle die jetzt hier sitzen haben eins gemeinsam. Bis hier ist es schon eine verdammt krasse Leistung. KEINER denkt ans Aufgeben. Der Gedanke “die letzten 19 Kilometer schaff ich auch noch!” steht jedem ins Gesicht geschrieben.

Plötzlich, nachdem ich genüsslich einen Kaffee getrunken und 2 Zigaretten geraucht habe kommt auch Tobias um die Ecke. Sichtlich abgekämpft setzt er sich auf die Bank neben mich. Wir reden nicht viel. Aber wir haben beide den gleichen Gedanken. Wir kommen ins Ziel. Koste es was es wolle. Wir sind dabei unsere Schuhe wieder anzuziehen, da passiert es. Tobias’ Gesichtsfarbe verändert sich schlagartig. Kreislauf weg. Ich hole die guten Leute vom DRK. Sie kümmern sich rührend um Tobias. Knapp 30 Minuten vergehen. Ich entscheide alleine weiter zu gehen, sonst wird es echt knapp die 100 Km in 24 Stunden zu packen.

Ich gebe Tobias Bescheid. Natürlich hat er volles Verständnis. Ich wünsche ihm alles Gute und sage ihm, dass wir uns im Ziel treffen. Auf geht’s. Aufgeben ist keine Option.

09:30 – Tobias – Ich komme fix und fertig am VP an. Eigentlich will ich nur die Trinkblase füllen und weiterlaufen. Meine Füße sagen „setzt dich kurz, leg uns hoch“, mein Kopf sagt „lass es lieber“. Halt die Klappe Kopf, du hast kurz Pause. Hätte ich mal auf ihn gehört. Tschö Kreislauf. Mir wird schwarz vor Augen, kalter Schweiß läuft den Rücken runter. Alles klar, das war´s. Dank Thomas schneller Hilfe, werde ich sofort behandelt. Blutdruck etwas niedrig, Blutzucker top, Sauerstoffsättigung besser als sonst. Ich lege mich auf eine Trage und werde von gefühlt acht Mann/Frau ins DRK-Zelt getragen. Dort erlebe ich die beste Versorgung, die man sich wünschen kann. Ich ruhe mich kurz aus und sage zu Thomas, er soll alleine weitergehen. Die Zeit drückt. Ich möchte nicht schuld sein, wenn er es nicht schafft. Nicht jetzt bei Kilometer 81, so kurz vor dem Ziel. Ich rege mich über meinen Körper auf, schreie innerlich. Muss ich wirklich aufgeben? Eine Sanitäterin besorgt mir eine ganze Bananenstaude und Cola. Druckbetankung. Alles rein was geht. Sie sagt: „Du hast 3 Optionen. Nummer 1, du wartest bis 16 Uhr, dann sammelt dich der Bus ein und fährt dich runter. Nummer 2 wir fahren dich ins Krankenhaus…“ Klingt alles Scheiße. „…Nummer 3, du isst die Bananen, trinkst die Cola und läufst weiter. Jetzt aufzugeben, wäre echt mies!“ Sie hat Recht. Also alles rein, hinstellen. Geht doch. Ich unterschreibe, dass ich auf eigene Verantwortung weiterlaufe und gehe aus dem Zelt. Ich bemerke viele unglaubwürdige Blicke, aber ich habe keine Zeit. Ich hab was vor! 

10:20 Uhr – Thomas – Mein Handy klingelt. Whatsapp Nachricht von Tobias. Ich denke, dass er mir sagen wird, dass es ihm besser geht und er sich darum kümmert, dass er irgendwie in den Zielbereich kommt. “Bin wieder on Tour!” Unfassbar, der Kerl lag doch beim DRK im Zelt und eine gefühlte Armee hat sich um ihn gekümmert?! Bester Mann. Jetzt heißt es weitermachen und mit dem Kopf bei der Sache bleiben. So langsam werde ich müde und die Konzentration lässt nach. Ich muss noch in der Lage sein zu navigieren. Sich an den Vorderleuten zu orientieren, wird jetzt schwer. Da ist niemand weit und breit vor mir.

11 Uhr – Tobias – Ich werde von einem Paar mitgezogen. Wir finden Gesprächsthemen und einige Meter vergehen wie im Flug. Aber nur einige Meter. Es bleiben mehrere Kilometer. Die weibliche Begleitung benutzt einen Stock als Gehhilfe. Geile Idee. Ich suche mir auch einen. Sieht aus wie Gandalf, aber das ist mir egal. Der Stock ist eine Unterstützung. Das Paar wartet an Bergen und spricht mir Mut zu. Vielen Dank an dieser Stelle dafür! Ich beschimpfe jeden Berg, jeden Stein, jede Unebenheit. Das hilft.

11:53 Uhr – Thomas – Ich steh am Kilometer 90 Schild. Fix und alle, die Füße brennen wie Feuer und der Rest des Körpers ist taub. Ein Glück, hier steht eine Bank. Ich kann mich erstmal setzen. Einige Mitstreiter sitzen schon auf und neben der Bank. Wir kommen kurz ins Gespräch und reden uns Mut zu, dass es “nur” noch 10 Kilometer sind und wir diese jetzt natürlich auf einem Bein hüpfend ins Ziel machen. Ich telefoniere kurz mit Tobias und frag ihn, wie weit er von Kilometer 90 entfernt ist. Nach kurzem Überlegen entscheide ich, auf ihn zu warten, damit wir gemeinsam die letzten Kilometer in Angriff nehmen können.

12:28 Uhr – Thomas – Wir sind wieder gemeinsam unterwegs. Allerdings kann ich das Tempo von Tobias nicht halten. Bergauf machen seine Beine schlapp. Ich bin noch recht gut in der Lage auch in den Anstiegen das Tempo zu halten. Allerdings ist bergab für mich die reinste Qual. Mit jedem Schritt rutscht der Fuß unerbittlich im Schuh nach vorne und die lose Haut am Fuß setzt sich in Bewegung. Es tut unglaublich weh. Aber bringt ja alles nichts. Zähne zusammenbeißen und weiter geht’s.

13:00 Uhr – Tobias – Der schlimmste Berg. 13% Steigung. Kein Berg in Marl hat ansatzweise diese Steigung. Ich frage mich, wie dieser Berg hier entstanden ist. Unglaublich. Ich brauche gefühlt 10 Stunden bis ich oben bin. Der Ausblick war gut, im Nachhinein betrachtet. In dem Moment ist es mir einfach egal. Zu allem Überfluss merke ich, dass sich mein Wasser dem Ende neigt. Ich habe vergessen an VP4 nachzufüllen. Bin ja relativ zeitig zu Boden gegangen und dann weitergelaufen. Was soll’s, da muss ich jetzt durch. 

 13:55 Uhr – Tobias – Ich hab noch etwas mehr als 5 Kilometer vor mir. Es geht an einer Hauptstraße entlang. Die Passanten fragen, warum heute so viele unterwegs sind. Kurz erklärt, für verrückt befunden worden, zugestimmt, weiter. An den Fenstern stehen ältere Damen und Herren. Sie winken uns zu, rufen “es ist nicht mehr weit”, “gut gemacht, weiter”. Klar es sind nur noch 5 Kilometer. Nur noch… 

14:21 Uhr – Thomas – Zielgerade – Es geht bergauf und bergab nach dem Motto “auf den letzten Kilometern verlangen wir den Teilnehmern nochmal alles ab!” Kann aber auch sein, dass es sich einfach nur so angefühlt hat. Aber es ist die Hölle in Tüten.

Laut Karte heißt es jetzt noch einmal abbiegen und dann ist man auf der knapp 3 Kilometer langen Zielgeraden. Ich biege um die Ecke und kann es nicht fassen. Die zwei Teilnehmer hinter mir sind genauso entsetzt als sie das vermutlich größte Hindernis entdecken. Treppen. Unfassbar, wir haben 97 Kilometer in den Beinen und jetzt sollen wir Treppen steigen. Aber es nützt nichts. Jetzt bekommt mich nichts mehr klein.  

Auf der Zielgerade angekommen zeigt das GPS noch 2,2 Kilometer. „Das wird sich nochmal ziehen“ denke ich. Vor mir und hinter mir ist niemand. Ich frage mich, wo die beiden Jungs geblieben sind, die ich auf der Treppe gesehen habe. Aber daran will ich jetzt keinen Gedanken verschwenden. Kopfhörer auf, Musik an und auf in den Kampf.

Es ist völlig egal ob ich langsam oder ob ich das gewohnte Tempo laufe. Alles ist mit dem gleichen Schmerz verbunden. Also normales Tempo. Auf der Nordbahntrasse kommen mir viele “Normalos” entgegen. Aber jeder erkennt einen, nickt freundlich oder applaudiert. Manche feuern mich an “Es ist nicht mehr weit!”.

Durch mein gewohntes Tempo schaffe ich es tatsächlich noch einige Mitstreiter einzuholen und sogar noch an ihnen vorbeizuziehen. Der Schmerz und die Qualen der letzten Stunden stehen allen ins Gesicht geschrieben. Aber alle haben auch ein Funkeln in den Augen. Es ist also tatsächlich gleich geschafft. 100 Kilometer in 24 Stunden zu Fuß. Unglaublich, unvorstellbar.

Übermannt von Glücksgefühlen es gleich geschafft zu haben, muss ich heulen. “Jetzt reiß dich mal zusammen, wie sieht das denn aus!” Ich wische die Tränen weg. Am Ende der letzten Kurve ist dann endlich das ZIEL in Sicht.

14:42 Uhr – Thomas – Zieleinlauf 

Der Applaus der Zuschauer läuft mir kalt den Rücken runter. Auf der Ziellinie steht die Freundin mit einem Lächeln im Gesicht. Für kurze Zeit ist jeder Schmerz vergessen. Freudestrahlend werde ich vom Orga-Team in Empfang genommen und herzlich umarmt. Die Medaille wird überreicht und ich bin einfach nur glücklich. Schulterklopfen und Glückwünsche prasseln auf mich ein. Ich laufe zu meiner Freundin. Eine dicke Umarmung ist nun fällig. Jetzt kann ich auch einfach nichts mehr zurückhalten. Ich heule wie ein kleines Kind. Die Familie empfängt mich ebenfalls mit offen Armen und alle sind verdammt Stolz. Ich ziehe die Schuhe aus, setze mich kurz hin aber Ruhe habe ich hier nicht. 

Kurz nach mir kommt auch Michael ins Ziel. Das Mammut, das mit uns den Trainingslauf über 52 Kilometer absolviert hat. Ich bin echt froh, ihn zu sehen. Ich freue mich so sehr, dass er es auch geschafft hat. Ich hole mein Telefon und rufe Tobias an. Ich will wissen, wo er steckt. “Die letzten 1,8 Kilometer!” Geiler Typ.

15:10 Uhr – Tobias – ZIEL 

Zielgerade. Endlich. Nochmal Motivation holen. Die Sprachnachrichten von morgens werden angehört. Ich merke, mein Körper ist durch. Glückstränen in den Augen. Die Passanten auf der Nordbahn schauen mich an. Einige klatschen, andere lachen. Lacht ihr mal, ihr Lutscher. Lauft ihr erstmal 100 Kilometer und nicht nur von der Couch bis zum Kühlschrank. Ich laufe Richtung Ziel. Dort sehe ich Thomas auf der Bank. Ich freue mich ihn zu sehen. Thomas sagt „Genieß den Zieleinlauf, es lohnt sich!“ Gesagt, getan.

Meinen Stock, der mich mehr als 15 Kilometer mitgetragen hat, werfe ich dem Veranstalter vor die Füße. Erlösung. Freude. Hass. Alle Gefühle kommen hoch. Ich halte die Tränen nicht zurück. Die Leute verstehen das. Der Wanderstock bekommt einen Ehrenplatz. Gutes Stück Holz.

Ich muss mich setzen. Kann es nicht fassen, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Nach dem Aufenthalt im DRK-Zelt hätte bestimmt niemand gedacht, dass ich ankomme. Ein Veranstalter kommt zu mir. Drückt mich. Gratuliert und sagt „Du hast es geschafft!“ Stück für Stück realisiere ich: Ich bin 100 Kilometer gelaufen. Ich muss meine Familie kontaktieren. Freude pur. Ohne Euch hätte ich es nicht geschafft. Es gab mir unterwegs soviel Kraft und Mut. Danke! Das Sieger-Bier geht nicht rein. Ich brauche Wasser. Die Schuhe ziehe ich aus, aber die Socken lasse ich an. Das Elend will ich gar nicht sehen. Ich erkenne bekannte Gesichter im Zielbereich, aber ich will eigentlich nur nach Hause. Meine Familie wartet … und die Badewanne.

Uns beiden wird jetzt klar: FUCK wir haben es echt geschafft.

Wir sind “soeben” 100 Kilometer unter 24 Stunden gelaufen. Ein Starterfeld, welches aus 1750 Teilnehmern bestand, wurde im Ziel auf unglaubliche 358 Mammuts geschrumpft.

Tobias Süß & Thomas Neumann sind zwei davon.
WIR SIND MAMMUTS. 

Wenn auch du ein schönes Erlebnis oder eine spannende Geschichte rund um den Mammutmarsch zu erzählen hast, schreib uns eine Mail an sandra@mammutmarsch.de. 

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1 Kommentar

  1. Auch als MEHRFACHTÄTER, einfach klasse, zu lesen, dass es immer wieder eine emotionale Achterbahn ist, die 100 km zu bewältigen. Habt ihr toll geschrieben und mich dabei ertappt, das ein kleines Tränchen über die Wange lief.

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