Die andere Seite des Zielbogens: Wie es ist, beim Mammutmarsch Volunteer zu sein

Es gibt diesen einen Moment beim Mammutmarsch, den alle erleben wollen: den Zieleinlauf. Die letzten Meter, der Bogen, jubelnde Menschen, die Medaille, das Finisher-Bändchen und vielleicht Tränen in den Augen.

Meistens erzählen wir diesen Moment aus der Sicht der Menschen, die gerade angekommen sind. Aus müden Beinen heraus, aus Blasenpflastern, Nachtkilometern, Zweifeln und diesem kleinen Rest Energie, der plötzlich doch noch reicht.

Aber was ist eigentlich mit den Menschen auf der anderen Seite des Zielbogens?

Mit denen, die schon da stehen, bevor die ersten Finisher kommen. Die Bändchen sortieren, Getränkchips bereitlegen, lächeln, gratulieren, frieren, organisieren, improvisieren und irgendwann denselben Satz hundertfach sagen, ohne dass er unwichtig wird: „Willkommen zurück. Ihr habt es geschafft.“

Genau diese Perspektive hat Roman Jasiek in seinem Erfahrungsbericht „Wie es wirklich ist, als Volunteer beim Mammutmarsch zu helfen“ beschrieben. Roman kennt den Mammutmarsch selbst als Teilnehmer. Er war unter anderem in Berlin, Hamburg und Potsdam unterwegs. Irgendwann wollte er wissen, wie es dort aussieht, wo man als Finisher meistens nur kurz vorbeikommt: hinter den Kulissen. Also meldeten sich Roman und Nicole als Volunteers beim Nachtmammut Hamburg an.

Erst selbst laufen, dann anderen beim Ankommen helfen

Wer schon einmal bei einem Mammutmarsch gestartet ist, kennt diesen Blick auf die Volunteers. Am Start, wenn noch alles leicht ist. Am Verpflegungspunkt, wenn man plötzlich sehr konkrete Bedürfnisse entwickelt. Wasser, Salz, Kaffee, irgendwas Warmes oder einen Menschen, der sagt, dass es nicht mehr weit ist, auch wenn „nicht mehr weit“ unterwegs manchmal eine sehr optimistische Maßeinheit ist.

Und natürlich im Ziel. Dort, wo man vielleicht nicht mehr ganz gerade läuft, aber trotzdem ankommt.

Roman beschreibt in seinem Beitrag, dass ihn genau dieser Blick hinter die Kulissen interessiert hat. Nicht die große Büroorganisation, nicht Excel-Tabellen, Streckenplanung oder Logistik im Hintergrund. Sondern der Moment vor Ort: Was passiert, wenn sich die Mammuts in Bewegung setzen, durch die Nacht gehen, Wind, Wetter und müde Beine aushalten und irgendwann zurückkommen?

Die Antwort ist ziemlich praktisch: Es braucht Menschen, die da sind. Menschen, die Schnitten schmieren, Suppe ausgeben, Pavillons aufbauen, Merchandise verkaufen, Fragen beantworten, anfeuern, Medaillen reichen, Bändchen ausgeben oder am Ziel einfach dafür sorgen, dass dieser besondere Moment nicht im organisatorischen Durcheinander endet.

Gelbes Shirt, kalter Wind und die Ruhe vor dem Sturm

Romans Schicht beginnt am späten Abend. 22:45 bis 6:45 Uhr. Eine Uhrzeit, bei der viele andere gerade überlegen, ob sie noch eine Folge schauen oder vernünftig ins Bett gehen. Für Roman und Nicole heißt sie: Zielbereich beim Nachtmammut Hamburg.

Vorher gibt es das, was auf den ersten Blick klein wirkt, aber sofort nach Backstage riecht: Volunteer-Shirt aussuchen, Namensschild basteln, ankommen. Das gelbe Shirt nehmen viele ein paar Nummern größer, weil es über Pullis und Jacken passen muss. Hamburg zeigt sich nicht von seiner tropischen Seite. Kein Regen, immerhin, aber frischer, böiger Wind und eine gefühlte Temperatur, bei der man sehr genau weiß, warum Kleidung in Schichten erfunden wurde.

Im Volunteerbereich ist für alles gesorgt: Getränke, Kaffee, Tee, Süßes, Obst, Kuchen, Kekse, Pizza. Man könnte sich, hätte man Zeit, sehr gründlich durch diese Versorgung arbeiten. Das ist einer dieser ehrlichen Mammutmarsch-Widersprüche: Alles ist da, nur der Moment, es in Ruhe zu genießen, fehlt ein bisschen.

Doch erst ist noch Ruhe. Bändchen auspacken, sortieren, vorbereiten. Die ersten Finisher kommen einzeln an, fast überraschend früh. Dann wird es voller – und irgendwann kippt die Nacht einen ordentlichen Schwung Mammuts aus.

Wenn aus Helfen Akkordarbeit wird

Roman und Nicole stehen im Zielbereich und geben Finisher-Bändchen aus. Nadine, eine weitere Volunteer, ist für die Chips fürs Finisher-Getränk zuständig. Aus der geplanten Aufteilung wird vor Ort schnell eine kleine Prozessoptimierung, wie man es im Büro nennen würde. 

Nadine unterstützt direkt bei der Bändchenvergabe, läuft zwischen den Reihen hin und her, hilft dort, wo gerade zu viele Menschen gleichzeitig ankommen. Denn ab einem bestimmten Zeitpunkt ist es nicht mehr ein Finisher hier, zwei Finisher dort, sondern eine ganze Welle.

Was von außen vielleicht aussieht wie „ein Bändchen überreichen“, ist in Wirklichkeit viel mehr. Es ist Timing. Überblick. Konzentration. Freundlichkeit, obwohl die Nacht lang ist. Wieder und wieder gratulieren, ohne dass es zur Routine verkommt. Denn für die Volunteers ist es vielleicht der dreihundertste Zieleinlauf dieser Nacht. Für den Menschen vor ihnen ist es genau einer.

Der Satz, der nie ganz derselbe ist

„Willkommen zurück. Ihr habt es geschafft.“

So ein Satz kann schnell nach Standard klingen. Nach dem, was man eben sagt, wenn jemand im Ziel ankommt. Aber beim Mammutmarsch hat er Gewicht. Weil die Menschen, die ihn hören, nicht nur kurz eine Runde gedreht haben. Sie sind stundenlang unterwegs gewesen. Sie haben vielleicht gefroren, geschwitzt, gezweifelt, weitergemacht. Sie haben auf den nächsten Verpflegungspunkt gehofft, auf warme Suppe, auf trockene Socken, auf ein freundliches Gesicht.

Und dann steht da jemand im gelben Shirt und sagt: Du bist angekommen.

Roman beschreibt genau diesen Moment als den schönsten Lohn der Schicht: die erschöpften, aber glücklichen Gesichter der Finisher. Manche wirken abgeklärt, weil sie solche Events schon kennen. Andere kämpfen mit den Tränen, weil der Kopf noch nicht ganz verstanden hat, dass die Beine sie wirklich bis ins Ziel getragen haben.

Wer selbst schon einmal beim Mammutmarsch angekommen ist, kennt diese kurze innere Verwirrung. Man weiß nicht immer sofort, ob man lachen, weinen, essen oder sich einfach irgendwo hinsetzen möchte. Im besten Fall nicht direkt auf den Boden, aber auch das passiert.

Im Zielbereich stehen Volunteers genau in diesem Zwischenraum. Sie sehen die Menschen in einem Moment, in dem wenig Fassade übrig ist. Müdigkeit macht ehrlich – und ein Zieleinlauf auch.

Volunteering ist kein Nebenjob am Spielfeldrand

Man könnte denken, Volunteers seien beim Mammutmarsch einfach helfende Hände. Wichtig, aber irgendwie auch am Rand des eigentlichen Geschehens. Romans Bericht zeigt ziemlich gut, dass das nicht stimmt.

Volunteers sind nicht Kulisse, sondern Teil der Erfahrung.

Sie halten den Rahmen, während andere ihre Grenzen testen. Sie sind die Menschen, die ansprechbar bleiben, wenn Teilnehmende müde werden. Diejenigen, die Essen ausgeben, Getränke nachfüllen, erklären, sortieren, anfeuern, aufbauen, abbauen und im richtigen Moment einfach da sind.

Das klingt nicht spektakulär. Es ist aber genau die Art Arbeit, die ein Event trägt.

Denn ein Mammutmarsch besteht nicht nur aus Strecke. Er besteht aus vielen kleinen Übergaben: ein Becher Wasser, ein Teller Essen, ein Pflaster, ein „weiter so“, ein Bändchen im Ziel. Jede dieser Gesten ist klein genug, um im Ablauf fast unterzugehen – und groß genug, um für jemanden auf der Strecke genau das Richtige zu sein.

Müde, hungrig, zufrieden

Am Ende ihrer Schicht sind Roman und Nicole müde. Hungrig auch, trotz der guten Versorgung. Nicht, weil nichts da war, sondern weil schlicht keine Zeit blieb. Nach der Bändchenausgabe helfen sie noch beim Abbau. Dann ist irgendwann Feierabend.

Das ist vielleicht einer der ehrlichsten Punkte an der Geschichte: Volunteer sein ist nicht nur ein bisschen helfen und dabei Eventluft schnuppern. Es kann anstrengend sein – kalt, lang, chaotisch und körperlich fordernd. Man steht viel, schläft wenig, denkt mit, bleibt freundlich, auch wenn der eigene Akku nicht mehr bei hundert Prozent ist.

Und trotzdem schreibt Roman am Ende: Das war es wert. Mehr noch: Das war nicht das letzte Mal. Das sagt viel. Denn der eigentliche Grund, wiederzukommen, ist nicht der Gutschein, nicht die Goodies, nicht das Shirt – all das ist ein schönes Dankeschön. Aber hängen bleibt etwas anderes: das Gefühl, Teil dieser Nacht gewesen zu sein. Nicht als Finisher, sondern als jemand, der anderen den Zieleinlauf mit möglich gemacht hat.

Warum wir solche Geschichten brauchen

Beim Mammutmarsch reden wir oft über Willenskraft, Training, mentale Stärke, Vorbereitung, Blasen, Schuhe, die richtige Verpflegung, Zweifel und Zielmomente. Alles richtig, alles wichtig. Aber manchmal lohnt es sich, den Blick zu drehen.

Denn hinter jedem Zielmoment stehen Menschen, die diesen Moment auffangen.

Vielleicht ist genau das die stärkste Botschaft aus Romans Geschichte: Wer volunteert, erlebt den Mammutmarsch nicht weniger intensiv, nur anders. Man läuft nicht die Strecke, aber man ist trotzdem mittendrin. Man sieht nicht alle Kilometer, aber man sieht, was sie mit Menschen machen. Man bekommt keine eigene Finisher-Zeit, aber viele kleine Zieleinläufe aus nächster Nähe.

Und vielleicht versteht man danach noch besser, warum dieser Mammutmarsch-Spirit mehr ist als ein Wort, das gut auf dem T-Shirt aussieht.

Er entsteht nicht nur dort, wo Menschen losgehen, sondern auch dort, wo andere warten, helfen, gratulieren und sagen: Schön, dass du wieder da bist.

Wer Romans ganze Nacht aus seiner Perspektive nachlesen möchte, findet den vollständigen Erfahrungsbericht hier: Wie es wirklich ist, als Volunteer beim Mammutmarsch zu helfen.

Und wer selbst einmal die andere Seite des Zielbogens erleben möchte, findet hier alle Infos zum Volunteering beim Mammutmarsch. Vielleicht läufst du dann beim nächsten Mal nicht unter dem Zielbogen durch, sondern stehst daneben. Mit gelbem Shirt, Kaffee in Reichweite und diesem einen Satz, der für jede Person neu ist:

Willkommen zurück. Du hast es geschafft.