Internationaler Tag der indigenen Völker: Respekt vor Wegen, Natur und lokalen Räumen
Es ist früher Morgen auf einer Mammutmarsch-Strecke. Die Stirnlampen sind längst ausgeschaltet, auf den Wiesen liegt noch Tau, hinter einem Zaun stehen ein paar Kühe und beobachten die vorbeiziehende Gruppe. Für uns ist dieser Weg an diesem Tag Teil einer Herausforderung. Ein Abschnitt zwischen Startbogen, Verpflegungsstation und Ziel. Für andere ist er Arbeitsweg, Zufahrt, Weidegrenze, Rückzugsraum, Heimat oder auch ein Ort mit einer langen Geschichte.
Heute, am 9. August ist der Internationale Tag der indigenen Völker. An diesem Tag geht es nicht darum, Naturverbundenheit zu feiern oder indigene Kulturen als romantisches Gegenbild zu unserem Alltag zu benutzen. Es geht um Menschenrechte, Selbstbestimmung und den Schutz von Kulturen, Sprachen, Wissen und traditionellen Territorien.
Für uns als Wander-Veranstalter und Community ist dieser Tag ein Anlass, über die eigene Haltung nachzudenken: Wie bewegen wir uns durch Landschaften? Wem hören wir zu? Und was bedeutet Respekt, wenn ein Weg für uns zwar neu ist, für andere aber Teil des Lebens ist?
Worum geht es am Internationalen Tag der indigenen Völker?
Die UN-Generalversammlung beschloss den Internationalen Tag der indigenen Völker 1994. Der 9. August erinnert an das erste Treffen der UN-Arbeitsgruppe für indigene Bevölkerungsgruppen im Jahr 1982. Ziel ist es, auf die Rechte, Lebensrealitäten und Herausforderungen indigener Völker weltweit aufmerksam zu machen.
Dabei ist wichtig: Es gibt nicht die eine indigene Kultur und auch keine einheitliche indigene Perspektive. Gemeinschaften unterscheiden sich in ihren Sprachen, politischen Strukturen, Traditionen, Lebensweisen und Erfahrungen erheblich. Der Begriff beschreibt also keine homogene Gruppe, sondern umfasst sehr verschiedene Völker in unterschiedlichen Regionen der Welt.
Der offizielle UN-Schwerpunkt in diesem Jahr lautet „Honouring Indigenous Midwives: Safeguarding Life and Well-being“. Im Mittelpunkt stehen damit indigene Hebammen, ihre Wissenssysteme und ihr Beitrag zur Gesundheit und zum Wohlergehen ihrer Gemeinschaften. Weil der 9. August 2026 auf einen Sonntag fällt, findet die offizielle virtuelle UN-Veranstaltung am 10. August statt.
Unser Blick auf Wege, Natur und lokale Räume verändert dieser Schwerpunkt nicht. Er greift einen grundlegenden Gedanken des Aktionstags auf: Orte sind nie nur eine frei verfügbare Kulisse.
Land ist nicht einfach Landschaft
Wer wandert, schaut häufig auf Höhenprofile, Wegbeschaffenheit und Aussichtspunkte. Ein Wald wird zur schattigen Passage, eine Ebene zum schnellen Kilometerabschnitt und ein Berg zum Ziel, das noch vor Einbruch der Dunkelheit erreicht werden soll. Diese Sicht ist zwar völlig verständlich, aber eben nicht vollständig.
Land kann Lebensgrundlage, kultureller Bezugspunkt, spiritueller Ort und Teil einer kollektiven Identität sein. Die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker hält unter anderem Rechte auf Selbstbestimmung sowie auf traditionell besessene oder genutzte Länder, Territorien und Ressourcen fest. Sie betont außerdem, dass indigene Gemeinschaften an Entscheidungen beteiligt werden müssen, die ihre Lebensräume und ihre Zukunft betreffen.
Nach Angaben der UN umfassen die Territorien indigener Völker rund 28 Prozent der Erdoberfläche und etwa 11 Prozent der Wälder. Gleichzeitig spielen indigene Gemeinschaften eine bedeutende Rolle beim Erhalt von Ökosystemen und biologischer Vielfalt. (un.org) Daraus sollte allerdings kein neues Klischee entstehen. Ihre Rechte hängen nicht davon ab, ob sie unseren Vorstellungen von Naturverbundenheit entsprechen. Respekt beginnt dort, wo wir Gemeinschaften nicht auf eine Funktion reduzieren, sondern ihre politischen Rechte, ihre Gegenwart und ihre unterschiedlichen Stimmen ernst nehmen.
Was hat das mit einem Mammutmarsch zu tun?

Die historischen und rechtlichen Fragen indigener Landrechte lassen sich nicht eins zu eins auf einen Wanderweg in Deutschland übertragen. Ein Feldweg am Stadtrand ist kein traditionelles Territorium im Sinne der UN-Erklärung.
Trotzdem gibt es eine Haltung, die sich auf jede Strecke mitnehmen lässt: Wir sind unterwegs, aber der Raum gehört uns deshalb nicht – und verdient deshalb Respekt.
Bei einem Mammutmarsch bewegen sich innerhalb weniger Stunden viele Menschen durch Wälder, über Feldwege, entlang von Wohngebieten und durch kleine Ortschaften. Für die Teilnehmenden sind es 30, 50 oder 100 Kilometer Abenteuer. Für Anwohner ist es vielleicht die Straße vor dem Schlafzimmer, für einen Landwirt ist es die Zufahrt zum Feld, für Tiere ist es ein Lebens- oder Rückzugsraum.
Eine einzelne Person, die eine Abkürzung über eine Wiese nimmt, wirkt unbedeutend. Wenn zweihundert Menschen folgen, sieht die Sache anders aus. Eine leere Verpackung wiegt fast nichts, bis nach einer Veranstaltung an mehreren Wegabschnitten welche liegen. Und ein lautes Gespräch um zwei Uhr nachts ist für die Gruppe vielleicht genau das, was sie gerade wach hält – für die Menschen hinter dem geöffneten Schlafzimmerfenster eher nicht.
Respekt zeigt sich selten in großen Gesten. Meistens zeigt er sich dort, wo gerade niemand kontrolliert.
Auf dem ausgeschilderten Weg bleiben – auch wenn die Abkürzung lockt
Nach vielen Stunden kann eine Kurve erstaunlich überflüssig wirken. Auf der Navigations-App sieht man deutlich: Geradeaus wären es vielleicht 300 Meter weniger.
Trotzdem verläuft eine Strecke nicht zufällig so, wie sie verläuft. Wegeführungen berücksichtigen Zugänge, Genehmigungen, Schutzbereiche, Grundstücksgrenzen und die Sicherheit der Teilnehmenden. Eine Abkürzung kann über private Flächen, durch sensible Bereiche oder an einer Stelle entlangführen, an der schlicht niemand mit einer großen Wandergruppe rechnet.
Der kleine Umweg gehört dann zum Mammutmarsch wie müde Beine, warme Suppe und die Frage, warum die letzten fünf Kilometer grundsätzlich länger sind als alle anderen. Auf der Route zu bleiben bedeutet daher nicht nur, einer Markierung zu folgen. Es bedeutet anzuerkennen, dass nicht jede Fläche betreten werden darf, nur weil sie erreichbar ist.
Mitnehmen, was man mitgebracht hat
Eine leere Plastiktüte, ein Taschentuch oder eine Bananenschale verschwinden nicht dadurch, dass wir weitergehen.
Wer über viele Kilometer Verpflegung transportieren kann, schafft in der Regel auch die leeren Verpackungen bis zur nächsten Station zu tragen. Ein kleiner verschließbarer Müllbeutel im Rucksack wiegt kaum etwas. Auch Verpflegungsstationen sind keine Orte, an denen Müll ungefähr in Richtung Tonne geworfen wird. Gerade wenn Müdigkeit und Zeitdruck steigen, zeigt sich, wie ernst wir Verantwortung wirklich nehmen.
Die Strecke sollte nach einer Veranstaltung nicht aussehen, als hätte eine große Gruppe sie erobert. Sie sollte wieder das sein können, was sie vorher war: ein Weg, den auch andere Menschen, Tiere und Nutzer brauchen.
Lokale Regeln sind kein Hindernis für das Abenteuer
Geschlossene Tore, Betretungsverbote, saisonale Sperrungen oder Hinweise auf Schutzgebiete können unterwegs lästig erscheinen. Vor allem dann, wenn man müde ist und die geplante Route plötzlich nicht mehr funktioniert.
Doch lokale Regeln entstehen nicht, um Wandernden persönlich den Tag zu verderben. Sie schützen Eigentum, Natur, Tiere oder gefährliche Bereiche. Manchmal verändern sich Bedingungen kurzfristig: Ein Weg wird beschädigt, Forstarbeiten beginnen oder eine Fläche muss vorübergehend geschont werden.
Dann ist der respektvolle Umgang ziemlich unspektakulär: Schild lesen, Umleitung nehmen, Tor wieder schließen und nicht darüber diskutieren, ob die eigenen Wanderschuhe nun wirklich eine Ausnahme rechtfertigen.
Dasselbe gilt auf Reisen in Regionen, in denen indigene Gemeinschaften leben. Nicht jeder Ort ist ein Aussichtspunkt, nicht jede Zeremonie ist eine touristische Attraktion, nicht jeder Mensch möchte fotografiert werden und nicht jede Gemeinschaft wünscht Besucher.
Wer dort unterwegs ist, sollte sich vorab informieren, lokale Hinweise beachten und Angebote wählen, die von den betreffenden Gemeinschaften selbst getragen oder ausdrücklich unterstützt werden.
Zuhören ist wichtiger als sich inspirieren zu lassen
Rund um indigene Kulturen fällt häufig das Wort „Inspiration“. Gemeint ist es meist positiv. Trotzdem kann es unangenehm werden, wenn einzelne Traditionen, Symbole oder Wissensbestände aus ihrem Zusammenhang gelöst werden, weil sie gut zu einem Produkt, einem Retreat oder einem Social-Media-Beitrag passen.
Wertschätzung bedeutet nicht, sich überall bedienen zu dürfen.
Ein guter Anfang ist, Informationen nicht nur über indigene Völker zu konsumieren, sondern Beiträge indigener Autorinnen, Journalisten, Wissenschaftlerinnen, Aktivisten und Organisationen zu suchen. Ihre Stimmen müssen nicht durch Außenstehende übersetzt, vereinfacht oder mit einer weiteren Botschaft versehen werden, um relevant zu sein.
Auch der Internationale Tag der indigenen Völker sollte deshalb nicht bei einem schön gestalteten Beitrag über „Verbundenheit mit der Erde“ stehen bleiben. Die offizielle UN-Seite versteht ihn als Aufruf, die Rechte indigener Völker zu schützen und ihre Anliegen sichtbar zu machen.
Respekt beginnt vor dem Start und endet nicht am Zielbogen

Bei einem Mammutmarsch kümmern sich viele Menschen darum, dass eine Strecke überhaupt begehbar wird. Routen werden geplant, Genehmigungen eingeholt, Stationen aufgebaut, Markierungen angebracht und später wieder entfernt. Kommunen, Flächeneigentümer, Helfer und lokale Partner tragen dazu bei, dass Tausende Teilnehmende einen außergewöhnlichen Tag erleben können.
Doch Organisation allein reicht nicht. Zwischen den Verpflegungsstationen ist jede einzelne Person verantwortlich.
Das bedeutet: auf der Route bleiben, Rücksicht auf Anwohner nehmen, Müll einpacken, Durchgänge freihalten und lokale Hinweise nicht als unverbindliche Empfehlung behandeln. Es bedeutet auch, Probleme zu melden, statt sie zu ignorieren – etwa eine beschädigte Markierung, einen blockierten Weg oder Abfall am Streckenrand.
Bei Kilometer 70 ist das manchmal weniger bequem als die große Rede über Nachhaltigkeit am Start. Genau deshalb zählt es umso mehr.
Ein Aktionstag, der Fragen hinterlässt
Der Internationale Tag der indigenen Völker liefert keine einfache Outdoor-Regel und keine fertige Heldengeschichte. Er erinnert an Rechte, die vielerorts bis heute nicht ausreichend geschützt werden und an Gemeinschaften, die oft selbst nicht darüber entscheiden dürfen, wie ihre Länder, Kulturen und Wissenssysteme behandelt werden.
Für uns als Wandernde kann daraus eine schlichte, aber wichtige Frage entstehen: Bewegen wir uns durch einen Ort, als gehöre er für diesen Moment uns – oder als wären wir dort zu Gast?
Bei einem Mammutmarsch dürfen wir laut lachen, fluchen, zweifeln, uns gegenseitig über die letzten Kilometer ziehen und unter dem Zielbogen ziemlich stolz sein. Wir sollten nur nicht vergessen, dass die Strecke nach unserem Zieleinlauf weiterexistiert.
Unser Aufruf: Geh deine nächste Herausforderung mit offenen Augen an – für die Strecke, die Menschen vor Ort und alles, was auch nach deinem Zieleinlauf dort bleibt.
Willst du noch mehr Tipps & Inspirationen für deine nächsten Wanderungen? Lies hier weiter: