Winterwanderungen sind magisch – mit der richtigen Ausrüstung 

Wanderlust und Bergweh geht auch im Winter! Es gibt nämlich kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Diesen Spruch können die meisten wahrscheinlich nicht mehr hören, aber er ist einfach so wahr. Warum sprechen wir überhaupt von schlechtem Wetter? 

 

Irgendwie haben wir Regen und Nässe diesen Stempel aufgedrückt und das, obwohl Nebelschwaden, tiefhängende Wolken und tosender Wind doch eine geradezu mystische Stimmung erzeugen können. Es liegt an uns selbst zu entscheiden, ob Wetter “schlecht” ist – oder ob wir eine Wanderung bei Wind und Regen vielmehr als eine Chance ansehen, die Natur auch mal von einer etwas raueren, wilderen Seite kennenzulernen.

Klar, niemand wandert gerne mit nassen Füßen wie ein fröstelnder Eisklotz durch die Gegend. Trotzdem können auch lange Wintertouren bei kalten Temperaturen seine Reize haben und müssen nicht zwangsläufig mit blauen Lippen oder eiskalten Füßen enden. Auch, wenn sich die Motivation beim Blick auf das Thermometer und in den grauen Himmel erst einmal in Grenzen hält: Eine Auszeit in der magischen Winterlandschaft lohnt sich! 

Wandern im Winter bedeutet, Vitamin D und Glück zu tanken. Gerade jetzt, wo sich das Leben größtenteils zu Hause abspielt, fällt vielen von euch vielleicht die Decke auf den Kopf. Im Lockdown geht so einiges nicht mehr. Umso wertvoller ist es doch, dass die Natur – anders als Fitnessstudios, Sporthallen und Restaurants – 24/7 für uns geöffnet ist. 

“Das beste Mittel gegen fast alles: ein Tag in den Bergen.”

Das Gute: Wir haben es zu 99 Prozent selbst in der Hand, ob die nächste Wintertour ein nasskalter Leidensweg oder ein magisches Naturerlebnis wird. Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete, angefangen bei der Kleidung, die wir am Körper tragen. Und da kann man so einiges falsch machen! Gerade Wanderer, die normalerweise nur im Sommer auf Tour gehen, sollten einiges beachten. Die Bedingungen sind im Winter einfach anders. 

Aus besonderer Vorsicht heraus neigen viele deshalb erst recht dazu, mehr als nötig einzupacken – und das macht sich am Ende natürlich vor allem auf dem Rücken bemerkbar. Alles, was “Zuviel” ist, schleppen wir mit. Daher ist es sinnvoll, sich vor der Wanderung bewusst zu machen, was man wirklich benötigt – und was nur aus Sorge eingepackt wird. 

Die folgende Checkliste kann euch als Orientierung dienen, muss aber natürlich je nach Länge, Lage und Anspruch der Wanderung angepasst werden. 

1. Ganz wichtig: Die richtigen Schuhe

Was im Sommer gut funktioniert, ist nicht automatisch auch die richtige Wahl für Wandertouren im Winter. Nasse Füße sind nicht nur super unangenehm, sondern leider auch ein guter Nährboden für Scheuerstellen und Blasen. Und wenn die Füße erst einmal nass sind, wird es mit der Zeit auch schweinekalt. Im Winter ist es aber sehr wahrscheinlich, zwischendurch von Regenschauern oder sogar Schnee überrascht zu werden. Und nicht nur von oben, auch von unten droht in der Regel mehr Nässe als im Sommer. Pfützen auf dem Wanderweg müssen aber nicht unbedingt auch zu Pfützen in den Schuhen werden. Wenn man folgende Faktoren beachtet:

  • eine gute Isolation

Damit keine Bodenkälte zum Fuß durchdringt, muss der Wanderschuh gut isoliert sein. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten: Einige Schuhe haben spezielle Sohlen, zum Beispiel aus Schaumstoff, die gut vor Kälte schützen. Viele schwören aber auch auf eine Plüschfütterung aus Schaf- oder Lammfell. Eine solche Fellfütterung ist zwar vergleichsweise teuer, bietet aber einige Vorteile: Echtes Fell hat natürliche isolierende Eigenschaften! Selbst bei Nässe verliert die Fellfütterung nicht ihren wärmenden Effekt und ist noch dazu sehr langlebig, strapazierfähig und schmutzabweisend.  

  • ein hoher Schaft 

Gerade bei Regen ist es sinnvoll, Wanderschuhe mit hohem Schaft zu tragen. So können euch selbst tiefe Pfützen nichts anhaben. Viele Wanderer setzen daneben auch auf Gamaschen. Das sind sozusagen wasserdichte “Verlängerungen” der Schuhe, die verhindern, dass Wasser in die Schuhe schwappt. Je nach Modell sind sie unterschiedlich lang. Einige gehen sogar bis über den Kniebereich. Gute Gamaschen bekommt ihr in jedem Outdoorgeschäft für rund 20 Euro. Das Gute: Sie schützen nicht nur vor Nässe von außen, sondern verfügen auch über spezielle Membranen, die Schweiß nach außen transportieren können. 

  • Schuhe imprägnieren

Vielleicht gehört ihr (wie ich) zu den Menschen, die beim Schuhkauf davon genervt sind, jedes Mal das obligatorische Imprägnierspray aufgeschwatzt zu kriegen. Seitdem ich einmal beim Wandern in meinen neuen, nicht imprägnierten Schuhen klatschnasse Füße bekommen habe, bin ich da aber etwas milder gestimmt. Imprägnieren lohnt sich wirklich! Nicht nur, um die Füße vor Nässe zu schützen, sondern auch, um die meist doch recht teuren Wanderschuhe zu pflegen. Das gilt besonders für Schuhe aus Leder, die sonst schnell rissig und spröde werden. 

  • Schuhe nicht auf der Heizung trocknen

Wo wir gerade beim Thema Pflege sind: Auch, wenn eure Wanderschuhe abends nass sind und ihr am nächsten Tag weiterwollt, legt sie zum Trocknen möglichst nicht auf die Heizung! Wenn das Material zu schnell trocknet, wird es nämlich brüchig. Besser ist es, die Innensohlen herauszuholen und einzeln zu trocknen. Den Schuh stopft ihr einfach mit Zeitungspapier aus, das saugt die Flüssigkeit gut auf. 

  • eine stabile Sohle oder Grödeln

Je nachdem, wo ihr unterwegs seid, braucht ihr gerade im Winter besonders stabile Schuhsohlen. Ist die Strecke vereist, lohnt es sich außerdem, Grödeln dabeizuhaben. Das sind Steigeisen aus Stahl oder Gummi, die man sich im Fall der Fälle über die Schuhe streifen kann. Hier muss man natürlich bedenken: Das ist zusätzliches Gewicht, das ihr im Zweifel über mehrere Stunden hinweg in eurem Rucksack transportiert.

Ob mit Grödeln oder ohne: Mit den leichten Lauf- oder Trekkingschuhen, auf die viele Wanderer im Sommer setzen, kommt man im Winter jedenfalls nicht weit – vorausgesetzt, ihr könnt auf einen Pool in euren Schuhen verzichten.


2. Häufig unterschätzt: die richtigen Socken

Mittlerweile sind die meisten Wandersocken so beschaffen, dass sie alle wichtigen Anforderungen erfüllen: Sie reiben nicht, sie sind robust und sie sind atmungsaktiv. Ideal sind Socken aus Schurwolle. Heutzutage hat man übrigens kein kratziges Material mehr zu befürchten. Meist wird die Schurwolle außerdem mit Synthetikfasern kombiniert, damit man die Socken problemlos in der Waschmaschine waschen kann und sie länger halten. 

Baumwollsocken eignen sich dagegen absolut nicht, weil sie sich mit Feuchtigkeit vollsaugen. Dadurch weicht die Haut auf und ist viel anfälliger für Blasen. 

3. Das altbewährte Zwiebelschalenprinzip

Um vor Regen, Nässe, Wind und Kälte geschützt zu sein, setzen viele Wanderer auf das Zwiebelprinzip. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn ihr mit Temperatur- und Witterungsschwankungen rechnet. Also vor allem bei mehrstündigen Touren, die vielleicht sogar über Nacht gehen. 

Sich nach dem Zwiebelprinzip zu kleiden bedeutet allerdings nicht, sich planlos so viele Schichten wie möglich über den Körper zu zerren. Ganz im Gegenteil: Viele ziehen sich eher zu viel als zu wenig an und müssen dann gefühlt den halben Kleiderschrank auf dem Rücken mitschleppen. Damit das nicht passiert, kann es helfen, sich das Zwiebelprinzip einmal Schicht für Schicht anzuschauen und zu verstehen. 

Beim Zwiebelschalenprinzip werden mehrere Lagen Funktionskleidung übereinander getragen. Je nach Wetter kann man verschiedene Schichtstärken und Kleidungslängen miteinander kombinieren. Der klassische Zwiebellook (von innen nach außen), sieht so aus: 

  • Erste Lage: Baselayer 

Die erste Schicht wird direkt auf der Haut getragen. Hierbei handelt es sich im besten Fall um Unterwäsche, die nicht aus Baumwolle besteht! Baumwolle nimmt nämlich schnell Feuchtigkeit auf und wird entsprechend klamm. Das fühlt sich schon beim Lesen ungemütlich an, oder? 

Am besten eignet sich enganliegende Funktionswäsche (auch bekannt als Skiunterwäsche), die den Körperschweiß nicht aufnimmt, sondern nach außen transportiert. Diese Funktionswäsche gibt es häufig als Set zu kaufen, ab einem Preis von rund 50 bis 60 Euro. Bei dieser Schicht ist es besonders wichtig, dass sie sich auf der Haut bequem anfühlt und sich keine störenden Nähte im Stoff befinden. Nichts ist unangenehmer, als wenn ein Kleidungsstück über Stunden hinweg scheuert.

  • Zweite Lage: Midlayer 

Diese Schicht nennt man auch Isolationsschicht. Sie übernimmt den wichtigsten Teil: uns warm zu halten. Hier ist es wichtig, die Dicke und Wärmeleistung an die Witterung anzupassen. Und auch hier gilt, genau wie bei der ersten Schicht: Verwendet möglichst keine Baumwolle! Die perfekte Mittelschicht ist luftig und atmungsaktiv, NICHT aber wind- und wasserdicht. Diese Eigenschaften würden nämlich dafür sorgen, dass Feuchtigkeit nicht nach außen gelangen kann. Und da soll sie ja hin!

  • Dritte Lage: Outer Layer

Die dritte und meist letzte Lage ist sozusagen der “Wetterschutz”, die “letzte Instanz”, die uns vor Nässe, Wind und Kälte abschirmt. Hier gibt es zwei Lager. Welchem gehört ihr an? Seid ihr Team Softshelljacke oder Team Regenjacke?

Benefits von Softshelljacken: Sie sind winddicht und meist atmungsaktiver als Regenjacken. 

Der Nachteil: Sie sind zwar wasserabweisend, aber nicht wasserdicht.

Benefits von Regenjacken: Sie sind winddicht UND wasserdicht. Faustregel: Je hochwertiger die Membran, desto mehr Wasserdampf kann entweichen, und desto besser schützt sie vor Regen. 

Der Nachteil: Im Gegensatz zu Softshelljacken sind sie in der Regel nicht atmungsaktiv. 

MVTR & RET: Gar nicht mal so brauchbar

Als Orientierung versehen viele Hersteller ihre Produkte mit Werten wie “MVTR” (Moisture Vapor Transmission Rate) oder “RET” (Resistance of Evaporation of a Textile). Das Problem bei diesen Werten: Sie werden von den Herstellern selbst vergeben und sind daher wenig aussagekräftig. 

Das gilt vor allem für den MVTR-Wert, der angibt, wie viel oder wenig Wasserdampf ein Produkt durchlässt. Wie dieser Test abläuft, ist nicht eindeutig genormt und kann daher je nach Durchführung unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen. Unabhängige, externe Produkttests gibt es bislang leider nicht. So kann jeder Hersteller zu seinem eigenen Vorteil testen – und womöglich zum Nachteil der Kunden. Es lohnt sich also, vorm Kauf gründlich zu recherchieren und sich auch die Rezensionen anzuschauen. 

Wie auch immer euer Zwiebellook am Ende aussieht: Die Vorteile dieses Prinzips haben sich bewährt. Man kann flexibel auf sich verändernde Verhältnisse reagieren und vermeidet durch die atmungsaktive Funktionsbekleidung, dass sich Schweiß und Nässe breitmachen. Jetzt heißt es, dieses Prinzip zu optimieren und auf die nächste Tour abzustimmen! Je besser ihr über Strecke und Witterung Bescheid wisst, desto besser könnt ihr euch kleidungstechnisch vorbereiten.  

“Don’t worry, just care and be prepared.” 

In diesem Sinne wünsche ich euch viele fröhliche Winterwanderungen, die trotz Wind und Wetter nicht ganz so nass, dafür aber umso magischer werden. 

Das könnte dich auch interessieren:

Schreibe einen Kommentar