Vielleicht noch einen Tag: Teresas Geschichte vom Weitergehen

Wichtiger Hinweis: In diesem Artikel geht es um plötzlichen Tod, Trauer und Suizidgedanken. Bitte lies ihn nur, wenn es sich für dich gerade richtig anfühlt.

Es gibt Geschichten, bei denen es schwerfällt, die richtigen Worte zu finden. Teresas Geschichte gehört dazu, weil sie nicht erzählt werden sollte, um daraus eine einfache Botschaft zu machen. Sie ist keine Geschichte darüber, dass am Ende alles wieder gut wird. Und auch keine darüber, dass Schmerz einen automatisch stärker macht. Sie handelt von einem Menschen, der plötzlich und unerwartet einen anderen Menschen verliert, ohne die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Und davon, wie das Leben danach weitergeht, obwohl nichts daran leicht oder abgeschlossen ist.

Daniel, der Ortler und das letzte Foto

Teresa erzählt von Daniel, ihrem Mann. Von einem Menschen, der lief, kletterte, das Leben liebte und eine seltene Fähigkeit hatte: mit sich selbst im Reinen zu sein.  Er lief Marathon unter drei Stunden, machte alpine Touren und strahlte, so beschreibt Teresa es, eine große Ruhe aus. Daniel liebte seine Freiheit und zog sein eigenes Ding durch. Irgendwann merkte er jedoch, dass eine Beziehung mit Teresa keine Einschränkung bedeutete, sondern etwas war, das sein Leben reicher machte. 

Und dann kam der Ortler. Daniel brach früh am Morgen auf, noch ein Abschied, ein letzter Kuss. Später schickte er ein Foto vom Frühstück mit Stirnlampe und seinem kleinen blauen Elefanten Fridolin, der ihn begleitete. Eine Nachricht, die in diesem Moment nichts Bedrohliches hatte, weil solche Nachrichten von Bergtouren eben kommen: ein kurzer Gruß, ein Bild, ein Zeichen von unterwegs. Teresa antwortete nicht direkt, weil sie wusste, dass er oben vermutlich ohnehin keinen Empfang haben würde. Erst als später kein Gipfelfoto kam, keine Nachricht, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie googelte „Ortler Unfall“ und fand die Meldung, die ihr sagte, was niemand auf diese Weise erfahren sollte. Daniel war abgestürzt. Von diesem Moment an ging es nicht mehr um Rettung, sondern um Bergung. 

Teresa musste die Nachricht immer wieder überbringen:  zu Daniels Eltern,  ihrer eigenen Familie, Menschen, die sich setzen sollten, bevor sie hörten, was passiert war. Was oft übersehen wird: dass Trauer nicht nur aus Schmerz besteht, sondern auch aus Telefonaten, Erklärungen, aus Sätzen, die man nie aussprechen wollte und dann doch so oft wiederholt, bis sie sich in den Körper einbrennen.

Eine Woche später kam der Anruf aus Südtirol, dass die Suche endgültig eingestellt wird. Daniel wurde nicht gefunden. Wahrscheinlich liegt er im Gletscher. Es gibt kein Grab, an dem Teresa stehen kann, keinen Ort, an dem dieser Verlust räumlich eine Grenze bekommt. Es gibt nur die Wirklichkeit, dass Daniel nicht zurückkommt und diese Wirklichkeit ist nicht weniger schwer, weil Zeit vergeht.

Wenn Trauer nicht leiser wird, nur weil Zeit vergeht

Viele Menschen stellen sich Trauer wie eine Strecke vor, die am Anfang besonders steil ist und irgendwann flacher wird. Man stolpert los, kommt kaum voran, aber mit der Zeit, so hoffen es viele im Umfeld, müsste es doch leichter werden. Teresa beschreibt es anders. Für sie fühlt es sich an, als wäre Daniel gestern gestorben und gleichzeitig, als wäre der Unfall schon hundert Jahre her. Seitdem ist jeder Tag unendlich lang. Der Schmerz ist nicht kleiner geworden, nur die Zeit, in der er ihr ganzes Denken einnimmt, ist weniger geworden.

Das ist schwer auszuhalten, auch beim Zuhören, weil es keine einfache Entwicklung anbietet. Teresa lacht, geht Mammutmärsche, fährt Rad, klettert, trifft Menschen und ist unterwegs. Wer sie auf der Strecke erlebt, sieht vielleicht eine offene Frau, die mit anderen spricht, sich über ein Eis freuen kann oder als lebensfroher Mensch beschrieben wird. Man sieht ihr nicht an, dass ihr in jeder Sekunde ihres Lebens klar ist, dass Daniel tot ist. 

Darin liegt eine Wahrheit, die auch auf einem Mammutmarsch spürbar ist: Menschen tragen Dinge, die nicht außen am Rucksack hängen. Am Start stehen Menschen mit Stirnlampen, Snacks, Regenjacken, Blasenpflastern und sehr unterschiedlichen Motiven. Manche wollen herausfinden, ob sie eine bestimmte Distanz schaffen, andere wollen den Kopf freibekommen, wieder andere gehen für jemanden und einige gehen gegen etwas an, das niemand sieht. Von außen erkennt man meistens nur die Schuhe, den Rucksack, doch was jemand innerlich mit sich trägt, bleibt oft unsichtbar – bis jemand anfängt zu erzählen.

Warum Schweigen manchmal mehr verletzt als unbeholfene Worte

Teresa spricht auch darüber, dass Tod und Trauer für viele Menschen immer noch Tabuthemen sind. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil sie unsicher sind. Viele wissen nicht, ob sie Daniel erwähnen dürfen, ob sie fragen dürfen, wie es ihr geht, oder ob sie damit etwas aufreißen, das gerade vielleicht für einen Moment ruhiger war. Diese Angst ist menschlich, aber sie führt oft dazu, dass Menschen lieber gar nichts sagen. Und genau dieses Schweigen kann am meisten verletzen.

Denn Daniel ist nicht weniger tot, wenn niemand seinen Namen ausspricht. Der Schmerz wird nicht kleiner, nur weil alle vorsichtig daran vorbeireden. Für Teresa ist in jeder Sekunde klar, dass er fehlt. Das Thema zu ignorieren, schützt also nicht sie, sondern eher die anderen vor ihrer eigenen Hilflosigkeit. Wahrscheinlich gibt es keine richtigen Worte, jedenfalls keine, die einen solchen Verlust ordnen könnten. Aber es gibt ehrliche Worte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ „Ich denke an dich.“ „Magst du von ihm erzählen?“ Manchmal reicht auch die Frage, ob man ein Stück zusammen gehen soll.

Auf langen Strecken versteht man vielleicht ein kleines bisschen besser, dass Nähe nicht immer aus großen Sätzen besteht. Am Verpflegungspunkt hilft manchmal kein Motivationsspruch, sondern ein Becher warme Suppe, ein trockenes Paar Socken oder jemand, der nicht drängt, wenn der nächste Schritt gerade schwerfällt. Manchmal geht man nebeneinander her und sagt wenig. Das ist nicht nichts. Es kann sogar sehr viel sein, wenn jemand nicht ausweicht.

Mammutmarsch als Bewegung, nicht als Heilung

Teresa begann, an Mammutmärschen teilzunehmen. 2022 machte sie alle. Das klingt nach einer unglaublichen Leistung. Und das war es auch. Trotzdem sollte man das nicht romantisieren. Ein Mammutmarsch heilt keine Trauer, ein Zielbogen macht keinen Verlust kleiner und eine Medaille ersetzt keinen Menschen. Die Märsche sind eher ein Weg, Zeit auszuhalten und in Bewegung zu bleiben. Teresa beschreibt Beschäftigung als eine Art Urlaub von dem Gedanken, dass Daniel tot ist. Nicht, weil es nicht mehr stimmt, sondern weil sie für eine Weile nicht aktiv daran denken muss. Wenn das Verdrängung ist, sagt sie, dann ist es in Ordnung, weil es der einzige Weg ist, diese Zeit auszuhalten.

Wer lange unterwegs ist, kennt zumindest in viel kleinerem Maßstab, was Bewegung mit Gedanken machen kann. Nach einigen Kilometern sortiert sich nicht plötzlich das ganze Leben, aber manche Gedanken verändern ihre Lautstärke. Gespräche entstehen anders, wenn man sich nicht starr gegenüber sitzt, sondern gemeinsam in eine Richtung geht. Schweigen fühlt sich weniger leer an, weil Schritte da sind, Atem, Waldweg, Asphalt und irgendwann der nächste Verpflegungspunkt. Beim Mammutmarsch ist man selten völlig allein, selbst wenn man eine Weile für sich geht. Irgendwo sind andere Stirnlampen, andere müde Beine, andere Menschen, die ebenfalls Gründe haben, weiterzugehen.

Ein Erinnerungsort ohne Grab

Nach Daniels Tod entstand ein Erinnerungsort, weil es kein Grab gibt. Menschen brachten Steine mit, erst zur Trauerfeier, später an einen festen Platz. Steine aus verschiedenen Ecken der Welt, von Menschen, die etwas dalassen wollten. Dieser Ort ist gewachsen und mit ihm ein sichtbares Zeichen dafür, dass Daniel nicht einfach verschwindet, nur weil sein Körper nicht gefunden wurde. Teresas Erzählen ist auf eine andere Weise auch so ein Stein. Sie legt etwas in die Mitte, das schwer ist und gibt anderen die Möglichkeit, es zu sehen, ohne es wegzuschieben.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem diese Geschichte auch zur Mammutmarsch-Community gehört. Nicht, weil jedes schwere Thema auf einer Strecke gelöst werden müsste, sondern weil ein Mammutmarsch ein Raum sein kann, in dem Menschen mit allem auftauchen, was sie mitbringen. Mit Freude, Erschöpfung, Zweifel, schlechten Knien, Blasenpflastern, warmen Suppenmomenten und Geschichten, für die es keine einfache Überschrift gibt. Am Zielbogen fragt niemand, ob die Emotionen ordentlich sortiert sind. Manche stehen dort stolz, manche erleichtert, manche weinen, manche lachen, manche sind einfach nur sehr müde. Oft ist alles gleichzeitig da.

Noch einen Tag, noch ein paar Schritte

An einer Stelle sagt Teresa etwas, das kaum auszuhalten ist und gerade deshalb nicht geglättet werden sollte. Es gab einen Moment, in dem sie dachte, sie müsse all das nicht mehr machen. Nicht mehr aufstehen, nicht mehr zur Arbeit gehen, nicht mehr weiterleben. Seitdem, sagt sie, komme sie zurecht, weil sie morgens sagen kann: Sie könne das ja jetzt noch einen Tag machen und dann weitersehen.

Das ist kein schöner Satz, aber ein wahrer. Manchmal ist Weitergehen kein großer Aufbruch, sondern ein sehr kleiner Vertrag mit dem nächsten Morgen. Noch einen Tag. Noch ein paar Schritte. Nicht, weil alles wieder gut wird, sondern weil dieser eine Tag vielleicht machbar ist.

Auf einem Mammutmarsch gibt es diese Verhandlungen in einer anderen, kleineren Form. Nicht mehr an die ganze Distanz denken, sondern bis zur nächsten Kurve. Bis zum nächsten Verpflegungspunkt. Bis zur Suppe. Bis zu den trockenen Socken. Bis jemand neben einem sagt, dass man jetzt langsam weitergehen kann. Das ist nicht dasselbe wie Trauer, weil ein Marsch endet und Verlust nicht. Aber der Gedanke des nächsten Schrittes kann trotzdem etwas erzählen – über das Weiterleben, wenn das große Ganze zu groß geworden ist.

Was bleibt, wenn nichts wieder gut wird

Teresas Geschichte zeigt nicht, dass Bewegung alles heilt. Sie zeigt etwas Ehrlicheres: dass Menschen Wege finden, mit etwas weiterzugehen, das bleibt. Dass man lachen kann, obwohl nichts wieder gut ist. Dass ein Mensch tieftraurig sein und trotzdem offen, lebendig, humorvoll und unterwegs sein kann. Und sie zeigt, wie wichtig es ist, nicht wegzuschauen, nur weil man Angst hat, die falschen Worte zu finden.

Wenn jemand trauert, müssen wir den Schmerz nicht kleiner reden, damit wir uns weniger hilflos fühlen. Wir müssen keine perfekte Formulierung finden und auch nicht so tun, als gäbe es einen Satz, der alles leichter macht. Manchmal reicht es, den Namen des Menschen nicht verschwinden zu lassen. Manchmal reicht eine ehrliche Frage. Und manchmal reicht es, ein Stück mitzugehen.