Mammutmarsch mit Baby: Steffis erster Marsch als kleine Familie

Es gibt Sätze, die fallen selten böse gemeint, bleiben aber trotzdem hängen. „Wenn du erst mal ein Kind hast, ist das mit deinen Hobbys vorbei.“ Oder: „Das machst du dann nicht mehr.“ Man hört sie auf Familienfeiern, zwischen zwei Gesprächen über Kinderwagenmodelle, im Freundeskreis oder irgendwo zwischen gut gemeintem Rat und müder Lebenserfahrung.

Und natürlich kann man solche Sätze nicht einfach wegwischen. Wer einen Kinderwunsch hat oder gerade Elternteil geworden ist, weiß schließlich selbst nicht, wie dieses neue Leben wirklich aussehen wird. Wie viel Schlaf und Kraft übrig bleibt, wie viel Zeit und ob man überhaupt noch Lust hat, sich Wanderschuhe anzuziehen, wenn man vorher schon drei Stunden gebraucht hat, um das Haus zu verlassen.

Sieben Monate nach der Geburt ihres Sohnes stand sie wieder an einem Mammutmarsch-Start. Diesmal nicht nur mit Rucksack, Snacks und der üblichen Mischung aus Vorfreude und leichter Selbstüberschätzung, sondern mit Baby, Tragetuch, Kinderwagen, Oma als Notfallplan und einem ziemlich klaren Ziel: 30 Kilometer schaffen. Als kleine Familie.

Wenn aus der Herde plötzlich auch Familie wird

Steffis Verbindung zum Mammutmarsch begann lange vor diesem besonderen Tag. Seit dem Mammutmarsch Berlin 2020 gehört sie zur Wander-Community, zu dieser etwas eigenen Mischung aus Menschen, die freiwillig sehr lange Strecken laufen und unterwegs trotzdem noch anderen ein Pflaster, einen Müsliriegel oder ein ehrliches „Komm, die nächsten zwei Kilometer gehen wir zusammen“ anbieten.

Kurz vor der Wander-WM bekam Steffi dann eine Nachricht, die alles veränderte. Ein Schwangerschaftstest zeigte ein kleines Mini-Mammut an. Ein neues Leben, eine neue Geschichte, ein neuer Anfang. Doch beim ersten Ultraschall war kein Herzschlag zu sehen. Der Arzt sprach von einer „leeren Hülle“.

Die Wanderung in Duisburg kam Steffi damals gerade recht. Nicht, weil eine lange Strecke alles lösen könnte – aber manchmal hilft es, wenn der Körper etwas zu tun bekommt, während der Kopf versucht, nicht alles gleichzeitig zu denken. Vielleicht tat ihr genau dieses Treffen mit der Herde gut, denn eine Woche später schlug beim Ultraschall doch ein kleines Herz.

„Mit Kind geht das nicht mehr“ – oder doch?

Als Steffis Sohn schließlich auf der Welt war, kam mit all der Freude auch dieser Satz zurück, den viele Eltern kennen: Mit einem Kind könne man solche Hobbys nicht mehr machen. Keine langen Märsche. Keine Wochenenden unterwegs. Keine Startnummern, keine Streckenpläne, keine müden Beine aus freien Stücken.

Und ja, natürlich verändert ein Kind alles. Wer das Gegenteil behauptet, hat vermutlich noch nie versucht, rechtzeitig loszukommen, während ein Baby kurz vor Abfahrt beschlossen hat, dass jetzt ein sehr ungünstiger Moment für eine komplette Outfit-Korrektur ist. Plötzlich ist nicht mehr nur die eigene Trinkflasche wichtig, sondern auch Windeln, Wechselkleidung, Essen, Schlafzeiten, Tragetuch, Kinderwagen, Pausenlogistik und die Frage, wo man unterwegs wickeln kann, ohne dass alle Beteiligten danach eine neue Lebensentscheidung infrage stellen.

Aber Veränderung ist nicht automatisch ein Ende. Manchmal ist sie eher eine neue Streckenführung. Nicht unbedingt kürzer, nicht unbedingt einfacher, aber vielleicht überraschender, als man dachte.

Steffi wollte es ausprobieren. Sie wollte nicht beweisen, dass mit Baby alles genauso läuft wie vorher, aber herausfinden, ob es einen Weg gibt. Ihr Ziel war der 30 Kilometer Mammutmarsch – Mit Baby und Unterstützung und einem Plan B. Und vermutlich mit einem deutlich größeren Gepäckkonzept als früher.

Das Hotel war gebucht, die Oma für Notfälle dabei, die Motivation groß. Was sollte schon schiefgehen? Nun ja. Der Samstagmorgen begann mit leichter Verspätung. Steffi sagte später selbst: Sie lerne noch, mit Kind zu planen. Um 9:20 Uhr ging es schließlich los. Das Baby im Tragetuch, die Strecke vor sich, die ersten Kilometer unter den Füßen.

Acht Kilometer, ein schmerzender Rücken und ein Kinderwagen zur richtigen Zeit

Die ersten Kilometer eines Mammutmarschs haben oft eine eigene Energie. Am Start ist noch alles möglich. Die Beine sind wach, die Gespräche leicht, der Rucksack sitzt und niemand möchte schon zu früh daran denken, dass 30 Kilometer eben nicht nur eine nette längere Runde um den Block sind.

Mit Baby im Tragetuch bekommt diese erste Phase allerdings eine zusätzliche Ebene. Jeder Schritt ist nicht nur der eigene Schritt. Da ist dieses kleine Gewicht am Körper, warm, nah, schlafend oder wach und gleichzeitig die Verantwortung, nicht einfach nur irgendwie durchzukommen, sondern gut durchzukommen.

Nach acht Kilometern meldete sich Steffis Rücken. Für einen Moment dachte Steffi, dass es das vielleicht gewesen sei. Dass der Plan schön war, aber die Realität eben anders entschieden hatte. Im richtigen Moment kam ihre Mutter mitsamt Kinderwagen zur Hilfe. Steffi probierte es damit, ihr kleiner Sohn schlief friedlich und plötzlich war aus einem fast gescheiterten Plan wieder eine Möglichkeit geworden.

Der Marsch ging weiter.

Mammutmarsch-Community heißt manchmal: jemand trägt kurz mit

Was Steffi unterwegs besonders berührte, waren die Menschen auf der Strecke. Überall traf sie auf Hilfsbereitschaft. An Treppen wurde angepackt, der Kinderwagen wurde gemeinsam hochgehoben, Hindernisse wurden nicht kommentiert, sondern gelöst. Genau diese kleinen Szenen sind es oft, die nach einem Mammutmarsch bleiben.

Nicht nur die Kilometerzahl, oder die Medaille, sondern der Moment, in dem fremde Menschen sehen, dass jemand Unterstützung braucht und einfach helfen. Ohne großes „Das hätte ich ja nie gemacht“ oder „Bist du sicher?“. Stattdessen dieses warme Mammutmarsch-Ding: Wir sind hier alle ein bisschen müde, aber wir halten trotzdem zusammen.

Auch das Wickeln wurde Teil der Strecke. So kam zum Beispiel das warme Sanizelt am Schloss genau richtig. Wer noch nie unterwegs unter leicht improvisierten Bedingungen ein Baby versorgt hat, unterschätzt vielleicht, wie sehr sich ein warmer, geschützter Ort plötzlich wie Luxus anfühlen kann. Andere freuen sich am Verpflegungspunkt über Suppe, Tee oder trockene Socken – für Steffi war es in diesem Moment der Wickelplatz.

Ab der Hälfte kam ihre zehnjährige Nichte dazu. Mit guter Laune, kindlicher Energie und der Art von Begleitung, die gerade in der beginnenden Dunkelheit viel verändern kann. So gingen sie weiter: zwei Erwachsene und zwei kleine Wanderer, als ungewöhnlich kleine Herde auf dem Weg Richtung Ziel.

Der erste Zieleinlauf als kleine Familie

Nach 8,5 Stunden erreichten Steffi, ihr Sohn, ihre Mutter und ihre Nichte das Ziel. Dort warteten jubelnde Helfer, ihre Familie und dieser Moment, der sich nach langen Kilometern oft schwer beschreiben lässt, ohne zu groß zu werden.

Man kommt an, obwohl unterwegs genug Gründe dagewesen wären, es nicht zu tun. Man sieht den Zielbogen, hört Stimmen, bekommt die Medaille, und plötzlich fällt ein bisschen von dem ab, was man die letzten Stunden getragen hat. Bei Steffi waren das nicht nur 30 Kilometer. Es waren auch die Zweifel, ob dieses Hobby mit Baby noch Platz haben würde. Die Sorge, ob andere vielleicht recht behalten. Die Frage, ob man sich selbst in diesem neuen Leben noch wiederfindet.

Dieser Marsch war kein Beweis dafür, dass Eltern einfach alles schaffen müssen, wenn sie nur wollen. So einfach ist das nicht und wäre auch unfair. Nicht jede Familie hat Unterstützung, nicht jedes Baby macht einen solchen Tag mit. Auch ist nicht jeder Körper sieben Monate nach der Geburt bereit für 30 Kilometer. Denn manchmal ist es schon ein Mammutmarsch, mit Neugeborenem überhaupt geduscht das Haus zu verlassen.

Aber Steffis Geschichte zeigt etwas anderes: Ein Kind muss nicht automatisch das Ende dessen sein, was einem wichtig ist. Manchmal verändert sich der Rahmen. Manchmal braucht es mehr Planung, mehr Hilfe, mehr Pausen und mehr Gelassenheit, wenn morgens alles später losgeht als gedacht. Manchmal braucht es eine Oma mit Kinderwagen und Menschen, die an Treppen mit anpacken.

Und manchmal entsteht genau daraus ein neuer Anfang.

Fazit: Ein Kind verändert die Strecke, aber nicht unbedingt das Ziel

Steffis erster Mammutmarsch als Mama war nicht elegant durchgeplant, nicht komplett vorhersehbar und sicher nicht frei von anstrengenden Momenten. Nach acht Kilometern tat der Rücken weh, der Start war verspätet, unterwegs musste gewickelt, geschoben, getragen und improvisiert werden.

Aber am Ende standen sie im Ziel. Als kleine Familie. Mit müden Beinen, schlafendem Baby, helfenden Händen und einer Geschichte, die vielen Eltern Mut machen kann, ohne ihnen etwas vorzuschreiben.

Vielleicht muss man mit Kind nicht all seine Hobbys aufgeben, sondern muss sie neu denken. Kürzer, langsamer, gemeinsamer, mit mehr Gepäck und weniger Perfektion. Der Mammutmarsch ist dafür eigentlich ein ziemlich passender Ort. Denn auch dort läuft selten alles genauso, wie man es sich vorher ausgemalt hat. Und trotzdem entstehen unterwegs manchmal die Geschichten, die man später am liebsten weitererzählt.

Steffi und ihr kleiner Zwerg wollen nächstes Jahr wieder dabei sein. Wahrscheinlich auch wieder mit Plan B. Und ziemlich sicher mit einer Herde, die sich freut, wenn sie unterwegs auftauchen.

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