42 km Marathon vs. 100 km Mammutmarsch – was ist härter?
Ein Gespräch mit Brit über Blasen, Krämpfe, nächtliche Zweifel – und dieses eine Gefühl im Ziel, das alles relativiert.
42 Kilometer laufen – das klingt hart, oder? Aber 100 km gehen? „Das ist viel härter“, sagt Brit. Und sie weiß, wovon sie spricht: drei Marathons, drei 100-Kilometer-Märsche – beide Welten kennt sie aus eigener Erfahrung. Wir haben mit ihr über die Unterschiede, Überraschungen und ihre besten Strategien gesprochen – und darüber, warum sie trotz allem immer wieder an die Startlinie zurückkehrt.
Brit, bevor wir über Schmerzgrenzen sprechen: Wer bist du – und was machst du beim Mammutmarsch?
Ich bin Brit und beim Mammutmarsch für die Newsletter verantwortlich. Alles, was bei unseren Teilnehmern zu Event-Neuheiten, Vorbereitung, Ausrüstung oder Verpflegung im Postfach landet, läuft in der Regel über meinen Schreibtisch. Seit 2020 bin ich Teil des Teams.
Meinen ersten Mammutmarsch bin ich allerdings schon 2019 gegangen – direkt 100 Kilometer in NRW. Der „Endgegner“, wie ihn viele Teilnehmer auch liebevoll nennen. Das passt leider ziemlich gut zu mir.
Damals habe ich noch als Online-Redakteurin für ein Gesundheitsmagazin gearbeitet und über meine Erfahrung berichtet. Dieser Artikel hat schließlich dazu geführt, dass ich im Mammutmarsch-Team gelandet bin. Im Nachhinein fühlt sich das fast logisch an – für eine Sache zu arbeiten, für die ich selbst so richtig brenne.
Wie bist du überhaupt zu langen Distanzen gekommen – zum Laufen und zum Wandern?
Zum Laufen bin ich über meinen Vater gekommen. Er läuft mit einer Selbstverständlichkeit, die ansteckend ist. Eigentlich komme ich aus dem Kampfsport, genauer gesagt aus dem Muay Thai. Da ist Laufen auch an der Tagesordnung – allerdings selten in epischer Länge.
Mein erster 10-Kilometer-Lauf war ein Schlüsselmoment. Danach wollte ich wissen, wie sich ein Halbmarathon anfühlt. Und wer einmal 21 Kilometer gelaufen ist, denkt fast zwangsläufig über die magischen 42 nach.
Mit dem Wandern war es komplizierter. Als Kind fand ich es ehrlich gesagt ziemlich doof. Wahrscheinlich einfach aus Prinzip, weil es etwas war, das meine Eltern gut fanden. Ich bin mit meiner Familie viele Urlaube in Norwegen gewesen – mit unzähligen langen Wanderungen. Damals habe ich das eher als anstrengend empfunden anstatt als Geschenk.
Heute sehe ich das anders. Diese Stunden draußen haben mir wahrscheinlich mehr gegeben, als ich damals verstanden habe. Dass ich einmal freiwillig 100 Kilometer am Stück gehen würde, hätte ich trotzdem für einen schlechten Scherz gehalten.
Du hast schon einen Marathon absolviert. Wie war das für dich – und wo wurde es wirklich hart?

Tatsächlich waren es sogar drei – alle in Köln. Beim ersten Marathon war ich gut vorbereitet, hatte aber riesigen Respekt vor der Distanz. Und ja, es war hart. Vor allem zwischen Kilometer 30 und 40. Dieser Abschnitt zieht sich, körperlich wie mental.
Was mich getragen hat, war die Stimmung. Die Menschen am Rand, die Geräuschkulisse, dieses Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Die letzten zwei Kilometer waren dann fast surreal. Plötzlich mischt sich Euphorie mit Schmerz und ich überwältigender Fassungslosigkeit habe ich mit jedem Schritt mehr realisiert: Ich schaffe das wirklich.
Beim dritten Marathon wurde es nochmal anders. Ich bekam starke Krämpfe und stand kurz davor, abzubrechen. In diesem Moment wurde mir klar, wie unterschiedlich Laufen und Gehen sind. Beim Laufen zwingt dich dein Körper manchmal viel brutaler zum Stillstand.
Was hast du aus diesen 42 Kilometern über dich gelernt?
Dass ich Dinge durchziehen kann, wenn ich sie mir wirklich vornehme. Und dass gutes Training einen riesigen Unterschied macht. Es war kein Zufall, dass ich ins Ziel gekommen bin – ich habe mich dafür echt ins Zeug gelegt.
Vor allem aber habe ich gemerkt, wie süchtig dieses Zielgefühl machen kann. Erschöpft, leer, stolz – und gleichzeitig vollkommen zufrieden.
Ich glaube, genau nach diesem Moment bin ich immer wieder auf der Suche.
Wann kam der Gedanke, 100 Kilometer zu gehen?
Ich war mit meiner Mama und meiner Schwester morgens wandern, als uns plötzlich immer mehr Menschen entgegenkamen, die sich eher dahinschleppten als gingen. Man sah ihnen an, dass sie am Limit waren. Eigentlich hätte mich dieser Anblick abschrecken müssen, für mich war es faszinierend.
Ich habe direkt recherchiert, was es damit auf sich hatte und bin auf den Mammutmarsch gestoßen. Mein erster Gedanke war völlig naiv: Ach, das ist ja „nur“ gehen. Easy. Als ich meinem Vater davon erzählt habe, hat der mir nur den Vogel gezeigt. Und wenn er – mehrfacher Marathonläufer – sich einen 100er (GEHEND!) nicht zutraut, dann muss das richtig hart sein. Genau da wollte ich es erst recht machen.
Du hast gesagt: „Wenn ich einen Marathon schaffe, dann werden 100 Kilometer gehen easy.“ Warum war das ein Irrtum?

Weil ich die Dauer unterschätzt habe. Die schiere Länge der Strecke – und damit die Zeit, die man unterwegs ist.
Ein Marathon ist (je nach Trainingslevel) nach etwa drei bis fünf Stunden vorbei. Ein 100-Kilometer-Marsch hat da noch nicht mal richtig angefangen. Die Belastung ist nicht explosiv, sondern zäh. Stundenlang. Durch die Nacht. Mit Blasen, Müdigkeit, Höhenmetern.
Bei Kilometer 80 dachte ich ernsthaft: „Nur noch 20 Kilometer – das ist nur noch ein Halbmarathon. Easy. Die Distanz hab ich schon oft gemacht, in zwei Stunden bin ich im Ziel.“ Das war natürlich völliger Unsinn. Diese Rechnung funktioniert beim Laufen – wenn du frisch bist. Aber nicht beim Wandern. Und schon gar nicht nach 80 Kilometern mit Höhenmetern in den Beinen. Das war ein ziemlich niederschmetternder Realitätscheck. Nicht, weil die 20 Kilometer objektiv so viel waren, sondern weil meine Erwartungshaltung komplett an der Realität vorbeiging.
Wenn du beides vergleichst: Was ist körperlich und mental anspruchsvoller?
Für mich ganz klar: 100 Kilometer.
Beim ersten 100er fing es etwa bei Kilometer 50 an. Ich hatte Blasen, mir tat alles weh, ich war müde – und plötzlich wurde mir bewusst: Ich habe gerade einmal die Hälfte geschafft. Die andere liegt noch komplett vor mir. In diesem Moment kamen echte Zweifel. Schaffe ich das wirklich?
Ich habe mit mir selbst verhandelt. Immer wieder. Noch bis zum nächsten Verpflegungspunkt. Noch zehn Minuten. Noch ein Kilometer. Dieser innere Dialog lief stundenlang. Ein Marathon ist intensiver, aber kürzer. Ein Mammutmarsch ist ein dauerhafter mentaler Dialog. Und der hört nicht einfach auf.
Eigentlich war für mich klar: Nie wieder! Aber alle Mammuts kennen es: Ich hab mich wieder angemeldet. Wieder 100. Insgesamt bin ich diese Strecke dreimal gegangen. Aber beim zweiten und dritten Hunderter war etwas anders. Denn nun wusste ich: Ich kann und werde finishen. Nicht, weil es leichter geworden wäre – sondern weil ich es schon einmal geschafft hatte. Dieses Wissen verändert viel. Mein Anspruch war dann nicht mehr nur anzukommen, sondern schneller zu sein. Es war nicht weniger hart. Aber ich hatte Vertrauen in meinen Körper und vor allem in meinen Kopf.
Was würdest du jemandem empfehlen, der vor seinem ersten 100-km-Marsch steht?
Lange Trainingswanderungen. Nicht 15 Kilometer. Sondern mindestens 30 oder 40.
Ich habe mir damals morgens meinen Rucksack geschnappt und bin einfach los – quer durch Köln, wo ich zu dem Zeitpunkt lebte. Ich habe Viertel entdeckt, die ich noch nicht kannte, mir unterwegs einen Imbiss geholt, am Büdchen angehalten, Musik und Podcasts gehört. Gleichzeitig habe ich meine Ausrüstung getestet. Dabei habe ich gemerkt, dass mein Rucksack nicht optimal saß, meine Socken scheuerten, ich viel zu warm angezogen war – und dass ich nach mehr als 20 Kilometern plötzlich eher Salziges als Süßes wollte.
Was ich außerdem extrem wichtig finde: mindestens einmal nachts wandern. Denn die Nacht verändert alles: Stimmung, Tempo, Wahrnehmung. Zu wissen, wie sich Müdigkeit, Dunkelheit und Stille anfühlen, hilft enorm.
Und mental?
Ich spiele unterwegs kleine Spiele. Buchstaben-Ressourcen – zu jedem Buchstaben etwas finden, das mir Kraft gibt. Bei „A“ habe ich zum Beispiel an meine beste Freundin Annika gedacht, die mit Kölsch im Kühlschrank auf mich gewartet hat, um mit mir mein Finish zu feiern. Oder ich zähle Dinge. Menschen mit roten Jacken, Hunde, Straßenlaternen.
Außerdem teile ich die Strecke konsequent auf. Ich denke nie an die gesamten 100 Kilometer. Erst zähle ich hoch, ab der Hälfte zähle ich runter. Und selbst dann denke ich nicht bis ins Ziel, sondern nur bis zur nächsten Bank, zum nächsten Baum oder zur nächsten Abbiegung.
Meine Lieblings-Playlist hilft mir auch sehr. Oft sind es besonders emotionale Songs, die ich in Dauerschleife höre. Dabei stelle ich mir vor, wie ich ins Ziel komme. Und dieser Gedanke hilft immer: Morgen um diese Zeit liege ich erschöpft, glücklich und mit Medaille im Bett – und alles hier ist geschafft.
Und dann ist da natürlich die Mammutherde. Ich habe unterwegs schon unglaublich gute Gespräche geführt. Das trägt mehr, als man denkt.
Hast du noch einen Tipp, was bei der Ausrüstung auf keinen Fall fehlen darf?
Eine wirklich wasserdichte Regenjacke. Testet das vorher! Nichts ist unangenehmer, als komplett durchnässt zu sein und noch etliche Kilometer vor sich zu haben. Und Snacks, die dir wirklich schmecken. Vergiss für diesen Tag Nährwerttabellen und die „objektiv perfekte Wanderverpflegung“. Wenn du in einem Tief steckst, retten dich vielleicht die Chips – nicht die Karotten.
Und auch wenn ich es sonst nicht besonders feiere: Nachts haben mich Energy-Drinks schon mehr als einmal gerettet.
Wenn es so hart ist – warum lohnt es sich dennoch?

Weil dieses Gefühl bleibt. Wochenlang.
Nach meinem ersten 100er bin ich noch Wochen später morgens aufgewacht und dachte: „Krass, ich bin 100 Kilometer gegangen.“ Dieses Gefühl hat mir einen riesigen Selbstbewusstseinsschub gegeben. Denn wenn ich das geschafft habe, dann schaffe ich auch andere Dinge – auch die unangenehmen im Alltag.
Selbst wenn ich heute in schwierigen Momenten bin – sei es im Training oder im Alltag – erinnere ich mich daran. An diese Nacht. An diesen Moment im Ziel.
Wenn ich mich zum Beispiel auf einen Muay-Thai-Kampf vorbereite und beim Weight Cut im Schwitzanzug laufe, schaue ich manchmal auf meine Schuhe und denke: Mit genau diesen Schuhen bin ich 100 Kilometer gegangen. Das gibt mir Kraft.
Der Mammutmarsch hat mir gezeigt, was ich aushalten kann. Und dass ich mir oft mehr zutrauen darf, als meine innere Stimme mir einreden will.
Gab es einen Moment, an den du dich noch immer gerne zurückerinnerst?
Ja. Beim ersten Mammutmarsch haben mich zwei richtig gute Freundinnen im Ziel überrascht. Sie standen dort mit T-Shirts, auf denen stand: „Niemand ist so fit wie Brit“. Die beiden zu sehen, hat mir endgültig den Rest gegeben – im positiven Sinne.
Meine Eltern waren auch da und haben mich unterstützt. Sie sind nachts sogar aufgestanden, um mir ein Stück entgegenzuwandern. Das werde ich nie vergessen.
Ich erinnere mich auch noch gut an den Tag danach. Ich war so fertig, dass ich nicht einmal die Treppe aus meinem Zimmer im ersten Stock hinuntergegangen bin. Nachts bin ich sogar im Traum weitergewandert – das war wirklich belastend und extrem. Aber genau deshalb unvergesslich.
Dein Rat an alle, die überlegen, sich anzumelden?
Machen. Anmelden. Trauen.
Ein 100-Kilometer-Marsch ist viel mehr Kopfsache, als man denkt. Und genau das ist die gute Nachricht: mentale Stärke ist trainierbar – genauso wie der Körper.
Anders als beim Laufen stößt man hier weniger an eine explosive körperliche Grenze, sondern führt einen langen, inneren Dialog. Und diesen Dialog kann man lernen zu gewinnen.
Und ganz pragmatisch: Nehmt euch den Tag danach frei. Euer Zukunfts-Ich wird es euch danken.
Beweis dir, was wirklich in dir steckt.
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