100 Kilometer München: Gewitter, Hitze, Wespenstich – und am Ende dieser eine rote Patch
Ich wollte mir in München einfach mal wieder selbst beweisen, ob ich die 100 Kilometer noch schaffen kann. Nach 7 Jahren Mammutmarsch und 27 Märschen ist das vielleicht eine komische Frage, die man sich stellt. Man könnte meinen, irgendwann weiß man doch, was man kann. Aber genau so ist es nicht. Jeder Mammutmarsch ist anders, jeder Start fühlt sich neu an und 100 Kilometer bleiben 100 Kilometer, egal, wie oft man schon an einer Startlinie gestanden hat.
Also war mein Plan für München eigentlich ziemlich einfach: losgehen, schauen, wie es läuft, und mir selbst beweisen, dass ich diese Strecke noch schaffen kann.
Was dann passiert ist, habe ich allerdings nicht kommen sehen.
Erst der Patch, dann die ersten Probleme
Beim 20-Kilometer-Schild hatte ich zumindest schon mal den 1.500-Kilometer-Patch gesichert. Das war ein richtig schöner Moment. So ein kleines Zwischenziel, bei dem man kurz grinst und denkt: Soweit so gut. Der Körper läuft, der Kopf ist noch frisch und irgendwie fühlt sich alles machbar an.
Aber dann ging es los.
Am ersten Verpflegungspunkt wurde aus „soweit so gut“ ziemlich schnell: „Okay, das wird heute wohl anders als geplant.“ Ich wurde von einer Wespe gestochen, musste eine längere Pause machen und landete bei den Sanis. In meinem Kopf lief sofort die Frage mit: Hoffentlich bin ich nicht allergisch. Mein Zeitplan war damit schon sehr früh komplett im Eimer.
Gewitter, Regen und ein Marsch, der anders lief als geplant
Als wäre das nicht genug, kamen Gewitter, Regen und Nässe dazu – und da fing die Nacht gerade erst richtig an. Und dann habe ich mich zu allem Überfluss auch noch auf die Nase gelegt. Spätestens da dachte ich mir: Das ist heute wirklich nicht mein Marsch.
Es gibt solche Momente, in denen man unterwegs kurz auf sich selbst schaut und sich fragt, was hier eigentlich gerade passiert. Man wollte doch nur 100 Kilometer gehen. Jetzt ist man gestochen worden, gestürzt, der Zeitplan ist hinüber und vor einem liegen immer noch viele Stunden Strecke.
Dann wurde es dunkel.
Wenn der eigene Plan plötzlich keine Rolle mehr spielt
Das 50-Kilometer-Schild habe ich verpasst. Auch das hat irgendwie zu diesem Marsch gepasst. Normalerweise sind diese Schilder für mich kleine Fixpunkte. Man sieht sie, hält kurz inne und denkt: Die Hälfte ist geschafft. Diesmal war selbst dieser Moment einfach weg.
Kurz danach habe ich die Sanis für einen verletzten Teilnehmer gerufen und gewartet. Später war ich noch 4 Kilometer Lichtbegleitung für zwei andere Teilnehmer. Stirnlampe an, durch die Dunkelheit, Schritt für Schritt.
Und während ich anderen geholfen habe, habe ich gleichzeitig gemerkt, wie ich selbst immer weiter nach hinten rutsche. Mein eigener Plan war längst nicht mehr mein Plan. Der Marsch hatte übernommen.
Noch 40 Kilometer – ohne Worte. Trotzdem wollte ich mich nicht unterkriegen lassen. Ich wollte weitergehen. Nicht schnell, nicht schön, nicht perfekt. Einfach weiter. Schritt für Schritt bis ins Ziel.
Guten Morgen, München
Irgendwann begann das letzte Drittel. Ich dachte mir: Mal schauen, ob es so bleibt. Mehr kann man auf so einer Strecke manchmal nicht sagen. Denn ein Mammutmarsch kann sich innerhalb weniger Kilometer komplett verändern. Gerade geht es noch und kurz danach fragt man sich, ob der eigene Körper vielleicht einen Breakdown vorbereitet.
Und dann kam der Morgen. Ich war nicht ausgeschlafen, aber ich war noch unterwegs und das zählte. Dieser kleine Rest Wille, der manchmal stärker ist als alles andere, trieb mich voran.
Milchreis bei Kilometer 84

Und dann kam einer dieser Momente, die man unterwegs nie vergisst: Es gab Milchreis – mit Zimt und Zucker und roter Grütze. Dafür gehe ich doch gerne 84 Kilometer. Das klingt vielleicht lustig, aber wer schon einmal so lange unterwegs war, weiß, wie groß solche kleinen Dinge werden können. Ein warmer Becher, ein paar Löffel, ein bisschen Zucker, ein bisschen Normalität. Plötzlich ist da wieder Energie. Vielleicht nicht viel, aber genug, um weiterzugehen.
Noch 16 Kilometer. Ob ich die wohl schaffe?
Die letzten Kilometer waren noch einmal richtig hart
München war schön, aber lange konnte ich die Aussicht nicht genießen. Dafür war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich glaube, ich fühlte mich besser, als ich aussah. Zumindest habe ich mir das eingeredet.
Und dann kam nach Gewitter, Regen und Nacht plötzlich auch noch die Hitze.
Die letzten fünf Kilometer waren noch einmal richtig hart. Es war dieser Endspurt, bei dem man eigentlich weiß, dass es nicht mehr weit ist, und trotzdem fühlt sich jeder Schritt lang an. Ich dachte nur noch: Bitte lass jetzt nichts mehr dazwischenkommen. Kein Stich, kein Sturz und keine unerwünschte Überraschung. Ich wollte einfach nur noch ankommen.
100 Kilometer geschafft
Und dann war es so weit. YEEAAH. 100 Kilometer geschafft – trotz vieler Hürden!
Im Ziel zu stehen, war wieder unglaublich emotional. Nicht nur, weil ich meinen eigenen Erfolg feiern durfte. Sondern auch, weil ich gesehen habe, was es für die anderen bedeutet, hier anzukommen. Die Tränen, die Erleichterung und der Stolz.
Diese Momente kann man kaum in Worte fassen. Man muss sie sehen. Oder besser noch: Man muss sie erleben.
Was von diesem Mammutmarsch bleibt

Für mich war München kein perfekter Mammutmarsch. Im Gegenteil: Es war einer dieser Märsche, bei denen gefühlt alles dazwischenkommt. Gewitter, Regen, Stich, Sturz, verlorene Zeit, Dunkelheit und am Ende auch noch Hitze.
Aber vielleicht war genau das der Punkt. Ich wollte wissen, ob ich die 100 Kilometer noch schaffen kann. Und ich habe es geschafft – selbst unter widrigsten Bedingungen.
Und dann bekam ich auch noch etwas, auf das ich lange gewartet habe: endlich ein roter Patch. 7 Jahre Mammutmarsch und 27 Märsche hat es gedauert.
Was für ein unfassbares Wochenende – uuund ganz wichtig: Ich bin ohne Blase an den Füßen aus der Nummer rausgekommen! 
Allen Mammuts, die dabei waren, wünsche ich eine gute Erholung und ein sicheres Nachhausekommen. Danke für diese Strecke, die Menschen unterwegs, all die besonderen Momente und diesen Zieleinlauf.
Euer Holger
Noch mehr Tipps und Motivation für deine nächsten Touren findest du hier: