Notruf absetzen: So reagierst du im Ernstfall richtig

112 – Die Nummer kennen wahrscheinlich die meisten von uns seit der Grundschule. Schwieriger wird es bei der Frage, was danach passiert.

Was sage ich zuerst? Woher weiß der Rettungsdienst, wo ich mitten im Wald stehe? Was mache ich, wenn mein Handy kaum Empfang hat? Und muss ich wirklich erst die berühmten fünf W-Fragen im Kopf zusammensuchen, während neben mir jemand Hilfe braucht?

Gerade beim Wandern kann ein Notfall an einem Ort passieren, an dem die nächste Straße einige Kilometer entfernt ist. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wie du einen Notruf richtig absetzen kannst. Die gute Nachricht vorweg: Du musst dabei keinen astreinen Vortrag halten. Am anderen Ende der Leitung sitzen geschulte Menschen, die dich durch das Gespräch führen und dir die entscheidenden Fragen stellen.

Wann solltest du die 112 wählen?

Die 112 ist die richtige Nummer bei schweren Unfällen, akuten medizinischen Notfällen oder Feuer – insbesondere dann, wenn Lebensgefahr besteht oder du den Zustand einer betroffenen Person nicht sicher einschätzen kannst. Das DRK nennt beispielsweise Bewusstlosigkeit, Herz-Kreislauf-Stillstand, starke Blutungen und schwere Verbrennungen als Situationen für den Notruf.

Und wenn du dir unsicher bist? Dann solltest du nicht erst zehn Minuten googeln, ob die Situation „schlimm genug“ ist. Bestehen ernsthafte Zweifel am Gesundheitszustand einer Person, darfst du die 112 wählen. Die Leitstelle übernimmt die weitere Einschätzung.

Nicht jede Verletzung auf einer Wanderung ist dagegen automatisch ein Fall für den Rettungsdienst. Für dringende gesundheitliche Probleme außerhalb der regulären Praxiszeiten, die nicht lebensbedrohlich sind, gibt es in Deutschland den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117. Bei einer akuten Gefahr oder schweren Verletzung bleibt die 112 die richtige Nummer.

Situation

Nummer

Medizinischer Notfall, schwerer Unfall, Feuer

112

Polizei bei Straftat oder akuter Gefahrenlage

110

Dringende, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Praxiszeiten

116117

Notruf absetzen: Die 5 W’s als Orientierung

Früher wurden die 5 W’s beim Notruf gerne wie ein Gedicht auswendig gelernt. Das Prinzip ist weiterhin hilfreich – du musst die Fragen aber nicht fehlerfrei in einer bestimmten Reihenfolge herunterbeten.

Das DRK weist ausdrücklich darauf hin, dass die Leitstelle alle notwendigen Informationen gezielt abfragt. Besonders wichtig sind eine genaue Ortsangabe und dass du nicht auflegst, bevor die Leitstelle das Gespräch beendet.

Die fünf W helfen trotzdem dabei, im Kopf zu behalten, welche Informationen wichtig sind:

  1. Wo ist es passiert? Nenne den Notfallort möglichst genau.

  2. Wer ruft an? Sage deinen Namen und eine Telefonnummer für Rückfragen.

  3. Was ist passiert? Beschreibe knapp, was du beobachtet hast.

  4. Wie viele Menschen sind betroffen? Nenne Anzahl und – soweit erkennbar – Verletzungen oder Beschwerden.

  5. Warten auf Rückfragen. Bleib am Telefon und lege erst auf, wenn die Leitstelle das Gespräch beendet.

Wenn du dir davon im Ernstfall nur zwei Dinge merkst, dann diese: Sag so genau wie möglich, wo du bist und bleib in der Leitung. Den Rest fragt die Person am anderen Ende.

Notruf beim Wandern: Wo bin ich eigentlich?

Frau hält Mammutmarsch Wanderkarte in den Händen und zeigt mit dem linken Finger auf den Wegverlauf

In der Wohnung ist die Ortsangabe vergleichsweise einfach. Mitten im Wald hilft „irgendwo zwischen zwei großen Fichten“ dagegen nur begrenzt. Schau deshalb vor dem Anruf auf deine Karten- oder Navigations-App und prüfe deinen aktuellen Standort. GPS-Koordinaten können besonders in abgelegenen Gebieten hilfreich sein. Auch Wegnamen, Wanderparkplätze, markierte Wege, Schutzhütten, Wegweiser, Seen oder andere markante Punkte können der Leitstelle helfen, den Unfallort einzugrenzen. Die DLRG empfiehlt bei schwer auffindbaren Orten außerdem, den Weg möglichst genau zu beschreiben und – wenn mehrere Helfer vor Ort sind – gegebenenfalls eine Person als Einweiser für die Rettungskräfte einzusetzen.

Moderne Notruftechnik kann zusätzlich Standortinformationen vom Smartphone übertragen. Trotzdem solltest du dich nicht darauf verlassen, dass dein genauer Standort automatisch bekannt ist. Die Ortsangabe bleibt eine der ersten und wichtigsten Fragen der Leitstelle. Ein ziemlich einfacher Vorbereitungstipp lautet deshalb: Schau vor deiner nächsten langen Wanderung einmal nach, wo dein Handy die aktuellen Koordinaten anzeigt. Das herauszufinden ist auf dem Sofa deutlich entspannter als im Ernstfall.

Gerade in den Bergen oder in schwer zugänglichem Gelände kann es sein, dass nicht einfach ein Rettungswagen bis zu dir fahren kann. Dann kommen je nach Situation Bergrettung oder sogar ein Rettungshubschrauber ins Spiel. Was viele erst im Ernstfall beschäftigt: Wer zahlt so einen Einsatz eigentlich? In unserem Artikel zu den Kosten einer Bergrettung erklären wir, was der Unterschied zwischen Rettung und Bergung ist und welche Kosten auf dich zukommen können.

Kann ich ohne Empfang einen Notruf absetzen?

Wenn dein eigener Mobilfunkanbieter gerade kein Netz anzeigt, solltest du die 112 trotzdem versuchen. Ein Mobiltelefon kann für einen Notruf versuchen, sich über ein verfügbares anderes Mobilfunknetz zu verbinden.

Ist jedoch überhaupt kein Mobilfunknetz erreichbar, kann auch keine normale Mobilfunkverbindung aufgebaut werden. Genau deshalb solltest du auf abgelegenen Touren nicht mit zwei Prozent Akku starten und darauf vertrauen, dass schon irgendwo Empfang vorhanden sein wird.

Zu einer vernünftigen Sicherheitsausrüstung gehören für längere Wanderungen ein geladenes Smartphone und gegebenenfalls eine Powerbank. Auf einsamen Touren ist es außerdem sinnvoll, einer anderen Person vorher mitzuteilen, welche Strecke du ungefähr gehst und wann du zurück sein möchtest.

nora: Notruf per App und mit Standort

Eine zusätzliche Möglichkeit ist nora, die offizielle Notruf-App der Bundesländer. Sie kann überall in Deutschland genutzt werden und übermittelt den über das Smartphone ermittelten Standort an die zuständige Leitstelle. Außerdem ermöglicht sie einen Notruf, ohne sprechen zu müssen und bietet anschließend eine Chatfunktion. Besonders hilfreich ist das beispielsweise für Menschen mit Sprach- oder Hörbehinderung.

Allerdings solltest du die App nicht erst installieren wollen, während vor dir ein Notfall passiert. Für die Nutzung ist eine vorherige Registrierung notwendig. Praktisch: nora besitzt einen Demo-Modus, mit dem du den Ablauf testen kannst, ohne tatsächlich eine Leitstelle zu alarmieren.

Für Wanderer kann die Standortfunktion ein interessanter zusätzlicher Sicherheitsbaustein sein. Sie ersetzt aber weder die klassische 112 noch eine vernünftige Vorbereitung.

Notruf abgesetzt – und jetzt?

Mit dem Anruf ist deine Aufgabe nicht automatisch erledigt.

Achte zunächst auf deinen Eigenschutz. Eine verletzte Person zu erreichen bringt nichts, wenn du dabei selbst abstürzt, auf eine Straße läufst oder dich anderweitig in Gefahr bringst. Erst wenn die Situation für dich sicher ist, kannst du Erste Hilfe leisten.

Bleib anschließend bei der betroffenen Person und folge den Anweisungen der Leitstelle. Je nach Situation können Mitarbeitende dich am Telefon auch bei Erste-Hilfe-Maßnahmen beziehungsweise einer Wiederbelebung anleiten.

Was du für kleinere Verletzungen und Notfälle beim Wandern im Rucksack haben solltest, findest du in unserem Guide zum Erste-Hilfe-Set fürs Wandern.

Notfall beim Mammutmarsch: 112 oder Event-Notfallnummer?

Bei einem Mammutmarsch bist du auf einer organisierten Strecke unterwegs. Unsere Veranstaltungen verfügen über eine Sanitätsabsicherung und du erhältst vor dem Start eine Notfallnummer, über die du den Sanitätsdienst erreichen kannst. Je nach Veranstaltung kommen unter anderem mobile und stationäre Sanitätsteams zum Einsatz.

Wichtig ist trotzdem die Unterscheidung: Bei einem akuten lebensbedrohlichen Notfall solltest du direkt die 112 wählen. Die Event-Notfallnummer ist kein Ersatz für den öffentlichen Rettungsnotruf.

Wenn du dagegen Probleme wie starke Blasen, Muskelbeschwerden oder andere gesundheitliche Schwierigkeiten auf der Strecke hast, kannst du dich frühzeitig an unser Team beziehungsweise den Sanitätsdienst wenden. Warte damit nicht, bis du irgendwann an einem Verpflegungspunkt ankommst.

Und wenn du selbst einen Notruf für einen anderen Teilnehmer absetzt, hilft ein Blick in die Navigation: Strecke, letzter Verpflegungspunkt, Laufrichtung und aktueller Standort können die Ortsbeschreibung wesentlich konkreter machen.

Einen Notruf absetzen können heißt vor allem: keine Angst davor haben

Im Ernstfall wirst du wahrscheinlich nicht völlig ruhig sein. Das musst du auch nicht. Du musst keine fünf Fragen perfekt aufsagen und keine medizinische Diagnose liefern. Beschreibe, was du siehst, sage möglichst genau, wo du bist und beantworte die Fragen der Leitstelle. Der größte Fehler wäre, aus Angst vor einem falschen Anruf gar nicht zu reagieren.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Vorbereitung für deine nächste Wanderung: Neben Regenjacke, Snacks und Blasenpflastern auch ein bisschen Wissen einzupacken, von dem du hoffentlich niemals Gebrauch machen musst.

 

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