Einmal Mammut, immer Mammut: Danielas Weg mit Multipler Sklerose

Nicht jede Mammutmarsch-Geschichte endet mit einem Zieleinlauf. Gerade auch deshalb bleiben manche im Kopf.

Daniela war in den vergangenen zwei Jahren immer wieder Teil unserer Events. Sie lebt mit Multipler Sklerose und war mit ihrem Rollator auf der Strecke unterwegs. Schon damit war jeder Start für sie mit Voraussetzungen verbunden, über die sich die meisten kaum Gedanken machen müssen. Immer wieder stand sie erneut am Start. Nicht, um jemandem etwas zu beweisen, sondern weil ihr die Märsche, die Menschen und die gemeinsamen Stunden auf der Strecke etwas gegeben haben.

Bei ihrem letzten Mammutmarsch lief es jedoch anders als erhofft. Daniela musste den Marsch abbrechen, weil ihr Körper nicht mehr mitmachte. Danach schrieb sie uns:

„Ich will es nicht realisieren, dass es nun vorbei ist und dass mein letzter Mammutmarsch zwangsabgebrochen wurde.“

Ein Satz, in dem viel steckt. Enttäuschung, aber auch die Erkenntnis, dass mit diesem Tag etwas zu Ende gegangen ist, das in den vergangenen zwei Jahren einen wichtigen Platz in ihrem Leben eingenommen hatte.

Wenn ein Mammutmarsch mehr bedeutet als Kilometer

Wer selbst einmal bei einem Mammutmarsch dabei war, weiß, dass sich zwischen Start und Ziel viel mehr abspielt als reine Kilometer machen. Man trifft Menschen, mit denen man eigentlich nur ein paar Kilometer gehen wollte und plötzlich zwei Stunden später immer noch unterwegs ist. Man erlebt Hochs und Tiefs, bekommt Hilfe oder hilft selbst und merkt manchmal erst im Nachhinein, was für intensive Begegnungen man in den vergangenen Stunden gehabt hatte.

Für Daniela waren diese Erlebnisse besonders wichtig.

„Diese zwei Jahre haben mir so unfassbar viel bedeutet und mir Kraft gegeben, um weiterzumachen.“

Über zwei Jahre hinweg hat sich Daniela immer wieder an die Startlinie gestellt und sich auf Strecken eingelassen, von denen sie wusste, dass sie anstrengend werden würden. Multiple Sklerose verschwindet schließlich nicht für einen Eventtag. Auch ein Rollator macht die Strecke nicht kürzer. Daniela musste ihren eigenen Weg finden, mit den Bedingungen umzugehen – und sie hat ihn gefunden.

Ein letzter Mammutmarsch, der anders endete als geplant

Auch bei ihrem letzten Event war Daniela lange unterwegs und gab alles, was an diesem Tag möglich war. Irgendwann setzte ihr Körper jedoch eine Grenze.

Sie musste ihren Marsch abbrechen.

Wer sich lange auf einen solchen Tag vorbereitet und vielleicht schon im Vorfeld weiß, dass es der letzte Mammutmarsch sein könnte, nimmt so einen Abbruch nicht mit einem Schulterzucken hin. Und auch die Enttäuschung lässt sich nicht dadurch kleinreden, dass Außenstehende sagen, wie beeindruckend ihre bisherige Leistung war.

Daniela selbst fand zunächst kaum Worte dafür:

„Ich versuche schon seit Tagen, Worte für einen Bericht zu finden – aber ich komme nicht weiter.“

Und weiter:

„Ich schreibe zu viel, vielleicht auch nur wirres Zeug.“

Vielleicht braucht es für manche Erlebnisse auch nicht sofort einen perfekt formulierten Abschluss. Man darf enttäuscht sein. Man darf mit dem Ergebnis hadern und sich wünschen, dass die Geschichte anders ausgegangen wäre.

Gerade deshalb sind Danielas nächste Worte so wichtig.

„Gerade hängt mir die Angst im Nacken, weil ich gar nicht so stark bin, wie ihr alle denkt.“

Man muss nicht immer stark sein

Wer Daniela auf der Strecke erlebt oder ihre Geschichte verfolgt hat, sieht wahrscheinlich zuerst das, was sie alles geschafft hat. Sie selbst durchlebt natürlich auch die andere Seite: die Anstrengung, die Unsicherheit und die Momente, in denen eben nicht alles so leicht läuft.

Doch Stärke bedeutet nicht, sich jederzeit stark zu fühlen. Und sie bedeutet beim Mammutmarsch auch nicht, um jeden Preis bis zum letzten Kilometer weiterzugehen.

Wir reden bei unseren Events viel davon, die eigenen Grenzen zu verschieben. Das funktioniert aber nur, wenn man sie auch wahrnimmt. Denn es gibt einen Unterschied zwischen einem schwierigen Moment, durch den man sich noch einmal durchbeißen kann und einem Körper, der deutlich signalisiert, dass für heute Schluss ist.

Diese Grenze anzunehmen, kann verdammt schwer sein, besonders wenn das Ziel gedanklich schon so lange zum eigenen Plan gehört.

Ein Abbruch nimmt aber nichts von dem zurück, was bis dahin passiert ist.

Was bleibt, wenn das Ziel fehlt?

Vielleicht ist genau das eine der Fragen, die Danielas Geschichte so besonders macht.

Was bleibt von einem Mammutmarsch, wenn am Ende kein Zieleinlauf steht?

Ziemlich viel.

Es bleiben zwei Jahre, in denen Daniela immer wieder losgegangen ist. Es bleiben Menschen, die mit ihr unterwegs waren, sie angefeuert, unterstützt oder einfach ein Stück begleitet haben. Und es bleibt eine Geschichte, die vielen in unserer Community gezeigt hat, dass die Voraussetzungen an einer Startlinie sehr unterschiedlich sein können.

Wer 30, 50 oder 100 Kilometer geht, kämpft mit seinen ganz eigenen Herausforderungen. Deshalb ist es auch ziemlich sinnlos, Leistungen ausschließlich anhand einer Kilometerzahl miteinander zu vergleichen. Denn manchmal liegt die größte Herausforderung schon darin, überhaupt zu starten. An einem anderen Tag ist es das Weitergehen. Und manchmal besteht die vernünftigste und gleichzeitig schwerste Entscheidung eben auch darin, nicht weiterzugehen.

Danielas letzter Marsch war kein Finish, aber er war auch nicht das Gegenteil davon. Er war ein weiterer Teil von zwei Jahren, die für sie offensichtlich weit mehr waren als eine Reihe von Wanderevents.

Ein Mammut erkennt man nicht an der Ergebnisliste

Nach ihrem letzten Mammutmarsch schrieb Daniela:

„Ihr habt meinen Tag zu etwas Besonderem gemacht.
Dafür bin ich euch unglaublich dankbar.“

Das hat uns sehr berührt. 

Daniela hat ihre Geschichte nicht nur dann geteilt, wenn gerade alles gut lief. Sie hat auch offen darüber gesprochen, wenn ihr etwas Angst gemacht hat oder wenn ein Tag anders endete, als sie es sich gewünscht hatte. Gerade diese Ehrlichkeit geht uns bei ihrer Geschichte so ans Herz.

Denn sie erinnert uns daran, dass niemand für andere permanent die Rolle der „starken Person“ spielen muss. Und Daniela darf offenkundig traurig darüber sein, dass dieser letzte Mammutmarsch nicht so geendet hat, wie sie es gehofft hatte. Gleichzeitig darf sie irgendwann hoffentlich mit einem von Freude erfüllten Blick auf all das zurückblicken, was in diesen zwei Jahren entstanden ist.

Einmal Mammut, immer Mammut

Daniela, du hast geschrieben, dass diese zwei Jahre dir Kraft gegeben haben, weiterzumachen.

Wir hoffen, dass du irgendwann auch sehen kannst, was du in dieser Zeit zurückgegeben hast. Du hast in zwei Jahren immer wieder gezeigt, was Mammutmarsch für uns im besten Fall sein kann: ein Ort, an dem Menschen ihre ganz persönliche Herausforderung suchen und gemeinsam unterwegs sind, ohne dass ihre Ausgangslage identisch sein muss. Du hast Menschen an deiner Geschichte teilhaben lassen, obwohl nicht jeder Teil davon leicht war. Du warst mit uns unterwegs, hast deine eigenen Grenzen erlebt und dich immer wieder neuen Kilometern gestellt.

Und vielleicht ist das am Ende das Wichtigste: Ein Zieleinlauf dauert nur wenige Sekunden. Was Menschen auf dem Weg dorthin miteinander erleben, dauert allerdings sehr viel länger fort.

Danke, Daniela, dass wir einen Teil dieses Weges mit dir teilen durften.

Und denk dran: Einmal Mammut, immer Mammut.

 

Willst du noch mehr Tipps & Inspirationen für deine nächsten Wanderungen? Lies hier weiter:

Schreibe einen Kommentar