30 km nach Nierentransplantation – Petras Weg zurück ins Vertrauen
Wenn mir vor einigen Jahren jemand prophezeit hätte, dass ich 2025 beim Mammutmarsch in meiner Heimatstadt Wien nach 30 Kilometern wirklich das Ziel erreichen würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt.
Nicht, weil ich keine Ziele hatte, sondern weil mein Körper viele Jahre lang andere Regeln kannte als die, die bei einem Mammutmarsch gelten. Regeln, die nicht nach Abenteuer, Aufbruch und Finisher-Medaille klangen, sondern nach Arztterminen, Erschöpfung, Dialyse und der Frage, wie viel Kraft für einen normalen Tag überhaupt bleibt.
Vor 25 Jahren erhielt ich die Diagnose IgA-Nephritis, eine chronische Nierenerkrankung, die mich über viele Jahre begleitet und geprägt hat. Anfangs lebt man irgendwie damit weiter. Man arrangiert sich, kontrolliert Werte, hört auf den Körper, macht weiter. Aber irgendwann wird aus einer Diagnose ein Alltag und daraus ein Einschnitt, der alles verändert.
Wenn der Alltag plötzlich von Krankheit bestimmt wird
Im Mai 2022 musste ich an die Dialyse. Was darauf folgte, war eine schwere Zeit für mich. Körperlich, weil die Behandlungen anstrengend waren und mir oft jede Energie fehlte. Seelisch, weil eine Krankheit nicht nur den Körper betrifft, sondern auch das Bild, das man von sich selbst hat.
Sport und ich, das war bis dahin keine große Liebesgeschichte. Ich war meist übergewichtig, mein Höchstgewicht lag bei 120 Kilogramm. Gerade während der Dialyse fehlte mir jegliche Kraft. Dabei ging es nicht darum, Kilometer zu sammeln oder stärker zu werden, sondern überhaupt durch den Tag zu kommen. Und trotzdem gab es irgendwann diesen Punkt, an dem sich etwas in mir nicht mehr mit Grenzen abfinden wollte.
Eine neue Niere, ein neues Leben — aber kein leichter Weg
Ende 2023 bekam ich eine neue Niere. Dank der kürzeren Wartezeiten in Österreich konnte ich erfolgreich transplantiert werden.
Eine neue Niere, ein neues Leben – so leicht klingt das, wenn man es in einem Satz sagt. Aber der Weg danach war alles andere als leicht.
Das erste Jahr nach der Transplantation war hart. Die Medikamente gegen die Abstoßung machten mir mit ihren Nebenwirkungen zu schaffen, gleichzeitig arbeitete ich weiter in meinem Bürojob. Mein Körper musste sich neu sortieren, mein Kopf auch.
Nach so langer Zeit mit Krankheit vertraut man dem eigenen Körper nicht einfach wieder von heute auf morgen. Aber genau dort begann etwas, das ich damals noch nicht ganz greifen konnte: Ich begann wieder daran zu glauben, dass mehr möglich sein könnte.
Eine Anmeldung, die alles veränderte
Im Oktober 2024 fasste ich einen Entschluss, der mir selbst fast verrückt vorkam. Ich war 51 Jahre alt und wollte meine persönlichen Grenzen sprengen. Also meldete ich mich zum 30-Kilometer-Mammutmarsch in Wien im Juni 2025 an.
Tief in mir hielt ich es für unmöglich. Gleichzeitig war da dieser starke Wille, es zu schaffen.
Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl: Man klickt auf „Anmelden“ und in dem Moment ist noch nichts passiert. Kein Kilometer ist gegangen, kein Anstieg geschafft, keine Blase versorgt, keine Medaille umgehängt. Und trotzdem verändert sich etwas. Plötzlich steht da ein Ziel. Ein Datum. Eine Entscheidung, die größer ist als ein Termin im Kalender.
Von diesem Moment an begann ich, meinen Alltag zu verändern.
Kleine Schritte, die langsam größer wurden
Ich achtete darauf, jeden Tag mindestens 10.000 Schritte zu gehen. Ich machte zu Hause Kraft- und Ausdauer-Workouts. Ich nahm, wann immer möglich, die Treppe statt des Lifts.
Keine riesigen Heldentaten, keine radikale Verwandlung über Nacht. Es waren kleine Entscheidungen, immer wieder. Aber genau diese kleinen Entscheidungen begannen, etwas in mir zu verschieben.
Ich merkte, wie mein Körper langsam stärker wurde. Und mit ihm wuchs mein Selbstvertrauen.
Das war vielleicht das Überraschendste: Nicht nur die Beine veränderten sich. Auch der Blick auf mich selbst. Ich war nicht mehr nur die Frau mit der Krankengeschichte, nicht mehr nur die Patientin, die durchhalten musste. Ich wurde wieder jemand, der sich etwas vornimmt. Jemand, der morgens aufsteht und weiß: Ich tue das für mich.
Kurz vor dem Start kam der nächste Rückschlag
Doch kurz vor dem großen Tag wurde meine Geduld auf die Probe gestellt. Ende April 2025 zwang mich eine schwere Gastritis für eine Woche ins Krankenhaus. Kaum war ich wieder gesund und begann erneut zu trainieren, erwischte mich eine Woche vor dem Start beim Mammutmarsch noch eine Erkältung. Die Vorzeichen standen demnach alles andere als gut.
Ich hatte einen kratzigen Hals und jede Menge Gründe, vernünftig zu sein. Aber da war auch dieses Ziel, das mich über Monate begleitet hatte. Dieser eine Tag in Wien. Diese 30 Kilometer, vor denen ich Respekt hatte und die ich doch unbedingt gehen wollte.
Am Morgen des Mammutmarschs stand ich um 7:40 Uhr an der Startlinie. Noch immer nicht ganz fit, aber voller Vorfreude und dieser besonderen Energie, die man schwer beschreiben kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.
Um mich herum waren überall Mammuts. Menschen, die lachten, redeten, sich vorbereiteten, nervös waren, motiviert waren. Alle mit ihren eigenen Gründen, dort zu stehen.
Die Stimmung war unglaublich. Sie trug mich über die ersten Kilometer.
Ich fühlte mich leicht, fast beschwingt. Für einen Moment war da nicht die lange Vorgeschichte, nicht die Dialyse, nicht das Krankenhaus, nicht die Unsicherheit der letzten Wochen. Da war nur Wien, der Weg vor mir und dieses Gefühl: Ich bin hier und gehe los.
Der Nasenweg — und das erste große Glücksgefühl
Dann kam der berühmt-berüchtigte Nasenweg.
Der Anstieg verlangte mir alles ab. Schritt für Schritt kämpfte ich mich hinauf und plötzlich war nichts mehr leicht oder beschwingt. Es wurde anstrengend, richtig anstrengend.
Aber als ich oben ankam, spürte ich zum ersten Mal dieses unbeschreibliche Glück. Es fühlte sich an, als wäre ich schon im Ziel angekommen. Vielleicht, weil ich dort oben merkte, dass ich etwas schaffen konnte, das mir lange unmöglich erschienen war.
Die letzten Kilometer und eine Kraft, die irgendwoher kam

Die letzten Kilometer zogen sich endlos. Ich weiß bis heute nicht, woher ich die Kraft genommen habe, weiterzugehen. Irgendwann bin ich nur noch gegangen, weil ich schon so weit gekommen bin und Aufgeben keine Option mehr war.
Im strömenden Regen kam ich ins Ziel.
Mir wurde die Medaille überreicht, und ich konnte es kaum fassen. Ich hatte es wirklich geschafft. Mein großes Ziel, einmal im Leben den Mammutmarsch zu finishen, war Wirklichkeit geworden.
30 Kilometer – nach all den Jahren, nach der Diagnose, der Dialyse, der Transplantation, den Nebenwirkungen, den Rückschlägen, der Gastritis, der Erkältung und all den Momenten, in denen ich selbst nicht sicher war, ob mein Körper und ich das schaffen würden.
Ich stand dort mit meiner Medaille und wusste: Diese 30 Kilometer waren viel mehr. Sie waren ein neues Vertrauen – in meinen Körper, in meine Entscheidung und mein Leben nach der Krankheit.
Einmal Mammut, immer Mammut
Später, als ich daheim all die wunderbaren Berichte der anderen Mammuts auf Facebook las, wurde mir klar, dass ich Teil von etwas geworden war, das nicht einfach mit dem Zieleinlauf endet. Diese Geschichten, diese Emotionen, dieses Gefühl, gemeinsam etwas geschafft zu haben – das bleibt.
Einmal Mammut, immer Mammut. In diesem Sinne: Wien 2026, ich komme wieder! Und vielleicht wage ich mich dann sogar an die 50 Kilometer.
Eure Petra
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