Second Hand Kleidung: Warum dein nächstes Wanderoutfit nicht neu sein muss

Mal ehrlich: Wie viele Jacken, Shirts und Wanderhosen liegen bei dir im Schrank, obwohl du bei der nächsten Wanderung am Ende doch wieder zu denselben drei Lieblingsteilen greifst? Zu dem Shirt, bei dem du genau weißt, dass es auch nach 10 Kilometern nicht scheuert. Zu der Fleecejacke, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, aber zuverlässig warm hält. Und zu der Wanderhose, die vielleicht nicht mehr aussieht wie frisch aus dem Laden, dafür aber jede Bewegung mitmacht.

Eigentlich ziemlich logisch, aber beim Wandern zählt schließlich nicht, wie neu ein Kleidungsstück ist, sondern es zählt, ob es funktioniert. Genau deshalb ist der Second Hand Wardrobe Day ein guter Anlass, einmal auf den eigenen Kleiderschrank zu schauen. Nicht mit dem Anspruch, ab morgen grundsätzlich nichts Neues mehr zu kaufen, sondern mit einer viel einfacheren Frage: Muss das nächste Teil wirklich neu sein? Gerade bei Wanderkleidung lautet die Antwort erstaunlich oft: nein.

Second Hand Kleidung: gebraucht heißt nicht schlechter

Second Hand Kleidung hat manchmal noch dieses etwas angestaubte Image. Man denkt an überfüllte Kleiderständer, einen seltsamen Mix aus Größen und die Hoffnung, irgendwo dazwischen einen Schatz zu finden. Dabei hat sich längst einiges getan. Eine gute Fleecejacke hört schließlich nicht plötzlich auf zu isolieren, nur weil jemand anderes sie schon ein paar Mal getragen hat. Eine Wanderhose verliert nicht automatisch ihre Funktion, sobald das Etikett fehlt. Und auch ein Merinoshirt kann noch viele Touren vor sich haben, wenn es vernünftig gepflegt wurde.

Eigentlich kennen wir dieses Prinzip beim Mammutmarsch sowieso ziemlich gut: Bewährt schlägt neu.

Kaum jemand würde empfehlen, am Morgen eines 100-Kilometer-Marsches brandneue Wanderschuhe aus dem Karton zu holen und einfach mal zu schauen, was passiert. Wir laufen Schuhe ein, testen unseren Rucksack und tragen unsere Kleidung vorher im Training. Warum? Weil wir wissen wollen, dass wir uns auf unsere Ausrüstung verlassen können.

Neu ist beim Wandern also nicht automatisch besser.

Für den Mammutmarsch brauchst du keine komplett neue Ausstattung

Wer sich zum ersten Mammutmarsch anmeldet, landet schnell in einem kleinen Ausrüstungsstrudel. Funktionsshirt, Regenjacke, Fleece, Wanderhose, Merinosocken, Baselayer, vielleicht noch eine zweite Schicht für die Nacht – plötzlich sieht es so aus, als müsste man vor dem Start erst einmal einen halben Outdoorladen leer kaufen.

Musst du nicht.

Natürlich brauchst du funktionierende Kleidung, gerade wenn du viele Stunden unterwegs bist und das Wetter nicht zuverlässig mitspielt. Was bei einer langen Wanderung wirklich wichtig ist, erklären wir ausführlich in unserem Beitrag Das 1×1 der Wanderkleidung: Worauf du unbedingt achten solltest. Dort geht es unter anderem um atmungsaktive Materialien, Wetterschutz und das gute alte Zwiebelprinzip. Aber diese Funktionen hängen nicht daran, ob du ein Kleidungsstück gestern oder vor drei Jahren gekauft hast.

Bevor du also eine komplette neue Wandergarderobe bestellst, lohnt sich ein Blick in den eigenen Schrank. Vielleicht liegt die passende Fleecejacke längst dort. Vielleicht besitzt deine Schwester eine Regenjacke, die sie dreimal im Jahr trägt. Oder ein Freund hat genau den kleinen Wanderrucksack zu Hause, den du für deine erste längere Trainingsrunde ausprobieren möchtest.

Denk dran: Nicht alles, was du für einen Mammutmarsch nutzt, musst du auch besitzen.

Leihen statt kaufen: Gerade für Einsteiger ziemlich sinnvoll

Ausleihen klingt bei Kleidung zunächst ungewohnt. Bei einer Bohrmaschine würden viele von uns nicht lange darüber nachdenken. Wenn wir sie zweimal im Jahr brauchen, leihen wir sie eben aus. Bei Outdoor-Ausrüstung greifen wir dagegen schnell zum Kaufen-Knopf. Dabei kann Leihen besonders dann sinnvoll sein, wenn du noch herausfinden möchtest, was zu dir passt.

Vielleicht weißt du noch gar nicht, ob du lieber mit einer leichten Softshelljacke oder einem Fleece unterwegs bist. Vielleicht willst du erst testen, ob Wanderstöcke auf langen Distanzen etwas für dich sind. Oder du benötigst für einen einzigen kalten Nachtmarsch eine zusätzliche Isolationsschicht, die danach vermutlich monatelang im Schrank liegen würde. Dann frag herum. In einer Gruppe von Wanderbegeisterten findet sich erstaunlich viel Ausrüstung, die gerade nicht gebraucht wird.

Und falls du etwas regelmäßig verwendest und irgendwann dein eigenes Teil möchtest, weißt du nach dem Test wenigstens genauer, wonach du suchst. Das verhindert Fehlkäufe – und damit genau jene Kleidungsstücke, die nach zwei Einsätzen ungetragen im Schrank verschwinden.

Was eignet sich gut für den Gebrauchtkauf?

Bei Second Hand Kleidung fürs Wandern lohnt es sich, weniger auf das Alter und mehr auf den Zustand zu achten. Fleecejacken, Midlayer, Wanderhosen, Funktionsshirts oder hochwertige Merinokleidung können lange genutzt werden. Auch Rucksäcke und andere Ausrüstungsteile findest du gebraucht oft in sehr gutem Zustand.

Etwas genauer hinschauen solltest du bei stark beanspruchten oder sicherheitsrelevanten Teilen. Bei Wanderschuhen etwa verändert sich mit der Nutzung nicht nur die Sohle, sondern auch das Fußbett. Was für die vorherige Besitzerin perfekt war, muss deshalb noch lange nicht zu deinem Fuß passen. Bei wasserdichter Kleidung wiederum lohnt sich ein Blick auf Beschichtungen, Nähte und Material, denn eine Jacke kann von außen top aussehen und trotzdem nicht mehr zuverlässig dicht sein.

Wenn du gebrauchte Outdoor-Kleidung kaufst, prüfe deshalb vor allem:

  • Sitzt das Kleidungsstück wirklich bequem und bietet es genug Bewegungsfreiheit?
  • Funktionieren Reißverschlüsse, Druckknöpfe und Verschlüsse?
  • Sind Nähte, Bündchen oder stark beanspruchte Stellen beschädigt?
  • Gibt es bei Regenkleidung Hinweise darauf, dass sich Beschichtungen oder Nahtbänder lösen?
  • Lässt sich das Teil vernünftig reinigen und weiter pflegen?

Ein kleiner Fleck oder ein ausgeblichenes Logo sind dagegen selten ein Grund, ein gutes Kleidungsstück auszusortieren. Spätestens nach ein paar langen Trainingsmärschen sieht ohnehin kaum noch etwas aus wie direkt aus dem Schaufenster.

Das nachhaltigste Kleidungsstück ist oft das, das schon da ist

Second Hand beginnt übrigens nicht erst im Second-Hand-Shop. Der einfachste Schritt ist häufig, das weiterzutragen, was du bereits besitzt. Gerade hochwertige Outdoor-Kleidung ist darauf ausgelegt, einiges mitzumachen. Trotzdem behandeln wir Kleidung manchmal wie Verbrauchsmaterial: nicht mehr ganz neu, kleine Macke, Farbe nicht mehr aktuell – also ersetzen.

Umso wichtiger ist es, die Sachen vernünftig zu pflegen. Ein gutes Beispiel ist Merinowolle. Das Material ist für lange Wanderungen praktisch, braucht aber etwas Aufmerksamkeit beim Waschen und Trocknen. Wenn du ein Merinoteil besitzt oder gebraucht gekauft hast, lohnt sich deshalb unser Guide Merinowolle waschen: So bleibt deine Kleidung weich und langlebig. Denn je länger ein Kleidungsstück funktioniert, desto später müssen wir überhaupt über Ersatz nachdenken.

Und manchmal reicht sogar eine kleine Reparatur. Eine offene Naht, ein kaputter Reißverschluss oder ein kleines Loch bedeuten nicht automatisch das Ende einer Jacke oder Hose. Gerade bei guter Outdoor-Ausrüstung lohnt es sich, nach Reparaturmöglichkeiten zu schauen, bevor das Teil aussortiert wird.

Second Hand muss kein Wettbewerb in perfekter Nachhaltigkeit sein

Bei dem Thema wird es schnell grundsätzlich. Darf ich überhaupt noch neue Kleidung kaufen? Muss jetzt jedes Shirt gebraucht sein? Es gibt gute Gründe, Dinge neu zu kaufen. Wenn Wanderschuhe perfekt passen müssen, du bei gebrauchter Regenkleidung keinen passenden Zustand findest oder ein bestimmtes Ausrüstungsteil über Jahre intensiv nutzen möchtest, kann neu genau die richtige Entscheidung sein.

Es geht demnach nicht darum, sich jeden Kauf zu verbieten. Es geht darum, nicht jeden Kauf automatisch zu machen.

Vielleicht kaufst du die Wanderschuhe neu, aber die Fleecejacke gebraucht. Vielleicht leihst du dir für deinen ersten Mammutmarsch einen Rucksack und kaufst erst später einen eigenen. Vielleicht nutzt du deine alte Wanderhose noch eine Saison länger, obwohl das neueste Modell ein bisschen schicker aussieht.

Viele kleine Entscheidungen sind am Ende realistischer als der Anspruch, von heute auf morgen alles perfekt zu machen.

Erst Kilometer sammeln, dann Kleidung

Wer schon einmal lange Strecken gewandert ist, weiß ohnehin: Nach einigen Stunden interessiert es niemanden mehr, aus welcher Kollektion deine Jacke stammt. Denn dann zählen andere Dinge wie “Bleibe ich trocken?”, “Wärmt mich der Pulli?”, “Kann ich mich in der Hardshell-Hose gut bewegen?”. Genau daran solltest du deine Ausrüstung messen.

Also nutz den Second Hand Wardrobe Day ruhig als kleinen Schubs, deinen Kleiderschrank und deine Mammutmarsch-Ausrüstung einmal mit anderen Augen anzusehen. Trag weiter, was funktioniert. Reparier, was noch zu retten ist. Frag Freunde, bevor du etwas kaufst. Leih dir Ausrüstung zum Testen aus. Und wenn dir wirklich etwas fehlt, schau ruhig zuerst, ob jemand anderes genau dieses Teil nicht mehr braucht.

Also: Schrank auf, Ausrüstung checken und das nächste Trainingsabenteuer planen. Vielleicht wartet dein perfektes Outfit nicht erst im Laden, sondern längst bei dir zu Hause.

 

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