Was dein Rucksack über dich verrät

Ein Rucksack ist eigentlich etwas ziemlich Unspektakuläres. Zwei Schultergurte, ein paar Fächer, vielleicht eine Regenhülle und irgendwo ein kleines Fach, in das man Dinge steckt, die man später nie wiederfindet. Sobald du allerdings für einen Mammutmarsch packst, wird aus diesem simplen Gebrauchsgegenstand plötzlich eine kleine Charakterstudie.

Denn sobald du für 30, 50, 75 oder 100 Kilometer packst, musst du Entscheidungen treffen. Was kommt mit? Was bleibt zu Hause? Was brauchst du wirklich? Und bei welchem Gegenstand weißt du eigentlich selbst, dass er komplett übertrieben ist – packst ihn aber trotzdem ein? Genau da wird es interessant – denn dein Rucksack sagt erstaunlich viel über dich aus. Nicht wissenschaftlich und wir behaupten auch nicht, dass sich aus drei Müsliriegeln und einer Regenjacke deine komplette Persönlichkeit ableiten lässt. Aber ein paar Typen erkennt man bei einem Mammutmarsch erstaunlich schnell.

Typ 1: Der Minimalist

Sein Rucksack wiegt ungefähr so viel wie eine durchschnittliche Brotdose. Du fragst dich kurz, ob da überhaupt etwas drin ist – aber ja, ist es. Doch der Minimalist hat jedes Gramm hinterfragt.

„Brauche ich das wirklich?“

„Kann ich das auch an der Verpflegungsstation bekommen?“

„Muss die Sonnencreme wirklich in der großen Tube mit?“

Wahrscheinlich besitzt dieser Mensch zu Hause auch Schubladen, die sich problemlos schließen lassen. Sein Rucksack sieht jedenfalls so aus, als wäre er eher für einen entspannten Nachmittag im Park gepackt worden als für eine Langstreckenwanderung. Trotzdem ist alles Wesentliche drin: Wasser, ein paar Snacks, eine Regenjacke, Powerbank, Blasenpflaster und vielleicht ein Paar Ersatzsocken. Mehr braucht es aus seiner Sicht nicht.

Beim Mammutmarsch hat diese Strategie durchaus Vorteile. Denn alles, was du einpackst, trägst du über viele Kilometer selbst. Die zusätzliche Flasche, das dritte Shirt und die Familienpackung Sonnencreme fühlen sich am Start noch harmlos an. Nach zehn oder fünfzehn Stunden entwickelt man zu jedem unnötigen Gegenstand allerdings eine erstaunlich persönliche Abneigung.

Das Problem beginnt nur dann, wenn aus Minimalismus Übermut wird. Wer bei jedem Gegenstand denkt „Ach, wird schon“, steht irgendwann vielleicht bei Kilometer 40 da und fragt vorsichtig in die Runde, ob jemand zufällig Salztabletten, Sonnencreme oder ein zweites Buff dabeihat.

Typ 2: Der „Ich bin auf alles vorbereitet“-Mensch

Am anderen Ende des Spektrums steht der Mensch, dessen Rucksack vermutlich auch für eine spontane Alpenüberquerung reichen würde.

Er hat nicht einfach Pflaster dabei, sondern verschiedene Pflaster für verschiedene Körperstellen. Es gibt eine große und eine kleine Powerbank, mindestens zwei Paar Ersatzsocken, mehrere Snacksorten, Taschentücher, Desinfektionsmittel, Sonnencreme, Regenjacke, Regenponcho und wahrscheinlich noch eine kleine Nähmaschine, falls unterwegs jemand eine Hose reparieren muss.

Das klingt übertrieben, ist aber in einer Gruppe durchaus angenehm. Denn sobald jemand fragt: „Hat zufällig jemand …?“, kommt zuverlässig ein „Ja, warte kurz.“

Diese Menschen sind die mobilen Versorgungspunkte eines Mammutmarschs.

Das Problem ist nur: Vorbereitung hat Gewicht. Und je länger die Strecke dauert, desto häufiger stellt sich die Frage, ob man wirklich 75 Kilometer lang Ausrüstung für Situationen herumtragen möchte, die man höchstwahrscheinlich nie benötigt.

Beim Rucksackpacken hilft deshalb eine einfache Frage: Habe ich das dabei, weil ich es wirklich brauche – oder weil ich theoretisch in irgendeiner sehr speziellen Situation froh darüber sein könnte? Wer Letzteres zu oft mit Ja beantwortet, trägt irgendwann einen kleinen Haushalt auf dem Rücken und sollte besser nochmal aussortieren.

Typ 3: Der Snack-Stratege

Zwei rosa gekleidete Frauen im Vordergrund mit Mammutmarsch-Mammut am RucksackAuf den ersten Blick sieht der Rucksack ganz normal aus. Doch sobald er geöffnet wird, entsteht der Eindruck, jemand hätte unterwegs eine Kiosk-Eröffnung geplant.

Es gibt süß und salzig, weich und knusprig, schnell essbar und „das hebe ich mir für später auf“. Dazu kommen Riegel, Nüsse, Gummibärchen, belegte Brote und mindestens ein Snack, der ausschließlich für Mammutmärsche mitgenommen wird und bei Kilometer 60 plötzlich eine emotionale Bedeutung erlangt, was Kraft für die nächsten 20 Kilometer schenkt.

Doch Essen ist bei einem Mammutmarsch nicht nur Energie und emotionaler Kraftgeber, sondern es strukturiert manchmal auch den Tag.

„Bis zum nächsten Versorgungspunkt laufe ich noch.“

„Bei Kilometer 45 gibt es die Gummibärchen.“

„Das gute Sandwich spare ich mir für später auf.“

Solche kleinen Ziele funktionieren erstaunlich gut. Allerdings zeigt sich auch hier die Erfahrung. Beim ersten Marsch nimmt man vielleicht acht verschiedene Exemplare eines Riegels mit. Danach weiß man, dass „Riegel, die ich nach zwölf Stunden immer noch sehen kann“ unterschiedliche Kategorien sind.

Typ 4: Der Chaos-Packer

Der Chaos-Packer hat eigentlich alles dabei. Das Problem ist nur: Niemand weiß, wo – vor allem er selbst nicht.

Wenn es anfängt zu regnen, beginnt deshalb kein Griff zur Regenjacke, sondern eine umfassende archäologische Ausgrabung. Erst kommen zwei Riegel zum Vorschein, dann ein Ladekabel, drei lose Traubenzucker, ein zerknittertes Taschentuch, eine halbe Banane und schließlich – ganz unten – die Regenjacke.

Bis dahin hat es meistens aufgehört zu regnen.

Der Chaos-Packer beweist damit sehr zuverlässig, dass es beim Rucksack nicht nur darauf ankommt, was man mitnimmt, sondern auch darauf, wo man es verstaut. Gerade auf langen Strecken macht es einen großen Unterschied, ob du für jeden Snack den kompletten Rucksack absetzen musst oder die wichtigsten Dinge mit einem Griff erreichst.

Das heißt nicht, dass dein Rucksack aussehen muss wie das Warenlager eines perfekt organisierten Outdoor-Shops – ein bisschen Struktur spart aber Nerven. Vor allem nachts, wenn du mit Stirnlampe versuchst, zwischen Powerbank, Socken und Energieriegeln genau das eine Blasenpflaster zu finden, von dem du sicher bist, dass du es eingepackt hast.

Typ 5: Der alte Mammutmarsch-Hase

Bei diesem Rucksack ist nichts zufällig. Die Snacks wurden getestet, die Regenjacke hat schon mehrere Märsche hinter sich, die Ersatzsocken liegen genau dort, wo sie hingehören und selbst das Tape hat einen festen Platz.

Der erfahrene Mammutmarsch-Teilnehmer packt nicht unbedingt besonders wenig, sondern vor allem sehr bewusst. Jeder Gegenstand hat irgendwann bewiesen, dass er mitdarf. Das merkt man oft an kleinen Dingen: Statt fünf verschiedener Snacks gibt es drei, von denen man weiß, dass sie auch nach zehn Stunden noch schmecken. Statt irgendeiner Regenjacke kommt genau die mit, die schon einmal einen kompletten Schauer ausgehalten hat. Und der eine Gegenstand, den alle Packlisten dringend empfehlen, bleibt zu Hause, weil er bei den vergangenen drei Märschen unangetastet im Rucksack lag.

Genau deshalb wird die persönliche Mammutmarsch-Packliste mit jedem Event ein bisschen besser. Man lernt nicht nur, was grundsätzlich sinnvoll ist, sondern was für einen selbst funktioniert. Und manchmal lernt man sehr konkret: Nein, drei Paar Ersatzsocken braucht man wirklich nicht.

Typ 6: Der emotionale Packer

Dann gibt es noch Dinge, die auf keiner offiziellen Packliste stehen und trotzdem jedes Mal mitkommen: Ein Glücksbringer, eine kleine Nachricht, ein Foto, ein bestimmter Schlüsselanhänger oder vielleicht ein Snack, den eine bestimmte Person für den Marsch mitgibt.

Rein funktional sind solche Gegenstände natürlich nicht nötig. Ein kleiner Glücksbringer verhindert weder Blasen noch müde Beine und wird dich auch nicht die letzten 20 Kilometer tragen. Trotzdem haben solche Dinge ihren Platz.

Denn wer sehr lange unterwegs ist, kennt die Momente, in denen die Stimmung plötzlich kippt. Du bist müde, die Beine tun weh, bis zum Ziel ist es noch weit und aus irgendeinem Grund beginnst du ernsthaft zu hinterfragen, warum du für dieses Erlebnis auch noch freiwillig Geld bezahlt hast.

Dann kann etwas Vertrautes durchaus helfen. Nicht auf magische Weise, aber manchmal reicht es schon, kurz daran erinnert zu werden, warum du überhaupt losgegangen bist.

Dein Rucksack wird mit dir erfahrener

Beim ersten Mammutmarsch packen viele Menschen entweder zu viel oder zu wenig. Manche schaffen beeindruckenderweise sogar beides gleichzeitig: drei Dinge, die sie niemals brauchen werden und genau eine Sache zu wenig von dem, was unterwegs wichtig wird.

Das ist völlig normal. Denn die beste Packliste entsteht nicht allein am Schreibtisch, sondern unterwegs. Nach einem Marsch weißt du, welche Snacks funktioniert haben. Du weißt, ob du tatsächlich so viel Wasser tragen musst, wie du dachtest. Du weißt, an welche Dinge du schnell herankommen möchtest und welche den ganzen Tag unangetastet im Rucksack geblieben sind. Und vor allem merkst du mit der Zeit, dass der perfekt gepackte Rucksack gar nicht existiert. Es gibt nur den, der zu dir, deiner Strecke und deinem Körper passt.

Und vielleicht sagt dein gepackter Rucksack beim Wandern deshalb tatsächlich ziemlich viel über dich aus. Ob du gern auf Nummer sicher gehst, ob du Gewicht sparen willst, ob Essen für dich reine Energieversorgung oder ein ausgeklügeltes Motivationssystem ist oder ob du Ordnung brauchst oder überzeugt bist, dass ein Haufen loser Gegenstände ebenfalls als System durchgeht.

Am Ende interessiert das beim Mammutmarsch aber niemanden besonders lange. Denn spätestens nach vielen gemeinsamen Kilometern zählt vor allem, dass du das dabeihast, was dich weiterbringt. Und wenn das neben Wasser, Regenjacke und Ersatzsocken eben auch 400 Gramm Gummibärchen sind, werden wir sicher nicht urteilen – zumindest nicht, solange du teilst. 😉

 

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